48h einer Alleinerziehenden, die sich arbeitslos melden muss

Mutterseelesonnig ruft zu einer Blogaktion auf: 48h Stunden einer Alleinerziehenden / eines Alleinerziehenden (#48stundenalleinerziehend). Denn die Tage von Alleinerziehenden sind kein Spaß, kein Zuckerschlecken. Sie möchte damit zeigen, dass wir noch einiges verändern müssen, damit die Situation von Alleinerziehenden sich bessert. Seid ihr dabei?

Hier kommen meine 48 Stunden. Exemplarisch. Bitte lest alles. Es ist so wichtig!!!

 

Tag 1 – ein Tag im März – Arbeitssuchend gemeldet

5:55
Mein Wecker klingelt. Ich schlage die Augen auf und rühre mich nicht. Die nächsten 10 Minuten zu beginn des Tages waren mir in den letzten 12 Monaten immer heilig. Die 10 Minuten am Tag, die mir gehören bis der Sohn aufstehen muss bzw. mittlerweile von allein aufsteht. Doch heute ist alles anders.

6:25
„Mama? Mamaaaa? Du bist ja noch gar nicht auf? Wir müssen aufstehen!“ Ja, Recht hat er, der Sohn. Bisher kennt er es nur so, dass wir um 6h aufstehen, ich Frühstück mache und wir in den Tag starten mit Umziehen, Lego, Frühstücken, Kuscheltiere wieder ins Bett bringen, Zähne putzen, noch schnell was holen und dann zum Kindergarten fahren. Doch heute ist alles anders.

7:45
Ja, mein Sohn braucht morgens. Ich auch. Wir und die Katzen müssen versorgt werden. Das dauert eine Stunde. Unglaublich aber wahr 😀 Nachdem wir uns für den Tag fertig gemacht haben, bringe ich ihn zur Kita. Und verabschiede mich aus dem Auto. Normalerweise würde ich jetzt zur Arbeit fahren. Doch heute ist alles anders.

8:30
Ich trete aus der Haustüre meiner Eltern. Das geliehene Auto zurück bringen. Sie brauchen es heute und ich fahre lieber Bus und Schwebebahn zu meinem heutigen Termin. Denn heute ist alles anders. 

9:30
Ich sitze im „Arbeitsamt“. Abteilung „Akademiker“ (was schon lachhaft ist). Es ist Weltfrauentag. Ich habe noch Zeit bis zu meinem Termin und beschließe, noch einen Text zu schreiben (hier). Meinen Laptop habe ich mit. Denn eigentlich wollte ich nach dem Termin romantisch in einem Café an meinen Texten schreiben. Doch heute ist alles anders.

10:00
Im Büro des Sachbearbeiters (im Übrigen, ich bin keine Sache) sitze ich steif auf meinem Stuhl. Es ist der selbe Betreuer, der mich vor knapp 14 Monaten schon mal kurz beraten hat. Er erinnert sich nicht. Ich schon. Es war vor Monaten schon grauenvoll und ist heute leider doch nicht anders. Ich hatte es so gehofft.

Die nächsten 60 Minuten sind … ich weiß es nicht (ich gebe sie nur sinnhaft und exemplarisch wieder).

Ich erkläre zunächst meine Situation: Ich bin Mutter, habe ein Kind, kein Auto und die Agenturen in Wuppertal bin ich durch. Ich zähle brav meine Skills auf und zeige ihm meine Unterlagen. Ich signalisiere deutlich, dass eine Agenturarbeit nicht mehr in Frage kommt, ich aber betreuungsbedingt nicht weiter als 20 Kilometer weit weg arbeiten kann und dass ich liebend gern als Dozentin zum Beispiel für Deutsch für Fremdsprache arbeiten würde. Da hätte ich SOFORT einen Job, ich brauche nur ein Zertifikat!  

Was er in etwa versteht: „Das Agenturleben ist ja kein Problem für Sie. Eine Selbständigkeit fördert das Arbeitsamt nicht – auch nicht, wenn Sie dann eine Jobgarantie hätten. Das ist nicht sozialversichert, das macht das Arbeitsamt NIEMALS. 35 Kilometer, also zum Beispiel Düsseldorfer Hafen, sind ja somit ebenfalls kein Problem – das Kind bekommen Sie schon unter – und Ihre Skills sind so gut, dass das Job-Hopping nicht ins Gewicht fällt. Das ist in Ihrer Branche ja normal.“

Ich bin fassungslos. Hat er mir zugehört? Ich wiederhole all mein Gesagtes. Er fordert mich auf, dass wir mein Bewerberprofil ja zusammen erstellen können. Äh? Ok! Ich verstehe, er hat seinen Ablauf, den muss er einhalten. Vielleicht kann ich hier intervenieren? Nein, auch hier wird das Kind galant umgangen. Offenbar ist das Wort „Alleinerziehend“ für die Betreuer kein Problem. Wird schon irgendwie gehen! Muss ja, denn alles andere ist nicht das Problem der Agentur für Arbeit…
Die letzten 10 Minuten erzählt er mir Folgendes: „Na ja, also wenn Sie unbedingt wollen (er klingt etwas genervt, das kann ich mir aber auch nur einbilden), dann kann ich Sie an die Kollegen der Abteilung „intensive Betreuung“ verweisen. Hier haben Sie die Möglichkeit mehr als 60 Minuten Zeit von uns zu beanspruchen und mit Ihnen eine Lösung für die Job-Kind-Agentur-Problematik zu suchen. Wer weiß, vielleicht machen Sie ja dann was anderes? Das ist aber kein Herabsetzen Ihrer Person! Ich habe nur keine Stellen für Sie!
Bitte überprüfen Sie Ihr Bewerberprofil in den nächsten 3 Tagen. Sie müssen sich online einmal anmelden, damit wir sehen, dass Sie es ernst meinen.“

Damit bin ich entlassen. Herabgewürdigt, nicht ernst genommen und irritiert.
Es ist doch nicht alles anders an diesem Tag.
Vor 14 Monaten stand ich ebenfalls hier. Genauso fassungslos. 

11:00
Es hat angefangen zu regnen. Aus Eimern. Ich stehe in der Eingangshalle. 
Das letzte Mal kamen mir schon im Büro dieses Beraters die Tränen. Wenigstens habe ich mich jetzt bis zur Eingangshalle zusammen gerissen. 
Heute ist eben alles anders.

11:15
Ich rufe meinen Vater an. Bei dem Regen traue ich mich nicht, mit meinem Laptop in der Tasche zu Fuß zu gehen. Da hat mein Plan, mich abzulenken in einem Café ja gut funktioniert. Nicht.
Dann ist heute eben wirklich alles anders.

11:40
Ich sitze in meiner Küche. Einen Kaffee vor der Nase. Ich bin enttäuscht, tief enttäuscht. Ich könnte sofort arbeiten, wenn ich dieses Zertifikat bekäme. Die Schulungen für dieses Zertifikat sind nur leider schon ausgebucht, kosten zudem Geld und es ist unklar, ob es sie nächstes Jahr noch mal geben wird. Das nur als Info. Mir ist schlecht. 
Ich zwinge mich aber den Laptop zu holen und mich noch mal anzumelden. Ich schreibe das Bewerberprofil um: Betreuungszeiten, Arbeitsbeschreibung. Alles nicht so, wie ich es dem Bearbeiter diktiert habe, sondern wie er es für „professionell richtig“ hielt. Keiner dieser Angaben könnte ich erfüllen.
Es ist doch alles anders.

16:00
Irgendwann in den letzten Stunden habe ich etwas gegessen. Ansonsten habe ich auf Twitter dies und das geschrieben. Mich abgelenkt. Mehrere Artikel angefangen, gelöscht, überarbeitet. Und doch nur rumgesessen. Ich hatte heute lediglich Urlaub, ich muss tatsächlich noch mal 10 Tage arbeiten. Das alles ergibt in meinem Kopf eine Spirale von negativen Gedanken.
Ich weiß, wie das hier endet, wenn ich mich nicht JETZT dagegen entscheide. Ich fahre los und hole zunächst den Sohn bei den Großeltern ab (dort ist er jeden Mittwoch Nachmittag). Ja, das muss ich machen, auch wenn mir gerade überhaupt nicht danach ist. Es ist nämlich kein anderer hier…
Ab dann ist tatsächlich alles anders. 

18:00
An solchen Tagen lasse ich mir mit dem Sohn Zeit. Zu den Großeltern zu fahren, ihn einsammeln und sofort los, das hat an Tagen an denen ich nicht gut drauf bin, keinen Zweck. Also alles in Slow motion. Zu hause gibt es Abendessen und wir überlegen den nächsten Tag. Ich drängle etwas, denn auch heute Abend ist alles anders.

20:00
Der Sohn schläft endlich und ich laufe schnell zum Laptop. Denn ich habe ein Skype Interview heute Abend (hier auf iTunes zu hören) und möchte mich voll auf meine Interview-Partnerin konzentrieren können! Das Gespräch verläuft gut, dann meldet sich die kleinste Tochter meines Gastes. Sie ist so winzig und hat eben Hunger – das erste Schöne an diesem Tag.
Manchmal ist eben alles anders als geplant.

22:00 
Ich mache mir ein Mittagessen für den nächsten Tag im Büro (frischer Milchreis ohne Milch gekocht mit Obst), räume die Küche auf und schreibe mir einen Zettel, dass ich morgen dringend ein Geburtstagsgeschenk kaufen muss. Der Sohn ist am Wochenende eingeladen – zum Kino. Das erste Mal! Nun ja, denke ich, geht er eben nicht das erste Mal mit Mama und Papa ins Kino, sondern mit Freunden. 
Bei uns ist eben manches anders.

23:30
Ich gehe ins Bett. Meine Gedanken kreiseln. Jetzt ist offenbar Zeit über den Tag nachzudenken. Dabei bin ich so unendlich müde. Müde darüber mich erklären zu müssen, müde darüber wie viele Steine einem so in den Weg gelegt werden. Aber da ist niemand, dem ich die Sorgen über mich, dem Kind und der Zukunft mitteilen kann. Der Kindsvater ist nicht hier und übrigens trotzdem in Sorge darüber, ob ich das Kind noch ernähren kann. Das ehrt ihn zwar, macht mir aber natürlich noch mehr Druck…
Keine Ahnung, wie spät es ist, als ich einschlafe.
Manches ist dann doch nicht anders.

 

Tag 2 – ein Tag im April – Leistungsbescheid

6:30
Der Wecker klingelt. Ich schlage die Augen auf und habe extrem gemischte Gefühle zu diesem Tag. Hilft nichts, aufstehen, Krone richten. Ich wecke direkt den Sohn und gemeinsam machen wir uns fertig.

7:30
Dank meiner Arbeitslosigkeit müssen wir morgens nicht mehr auf die Minute pünktlich sein. Ich bin an meiner Vereinbarkeit gescheitert, aber es tut gut, den Druck nicht mehr zu haben! Denn wir haben gestern Abend vergessen, die Tasche für das Papa-Wochenende zu packen. Das dritte in folge. Denn den restlichen Monat wird der Papa verreisen und wollte daher so viele Wochenenden mit dem Kind verbringen. Ist ok, also noch schnell die Tasche gepackt und ein Geburtstagsgeschenk nicht vergessen. Die Kita Freunde feiern gern und der Papa ist so gut und wird den Sohn dorthin fahren. Ich freue mich sehr, dass solche Termine mittlerweile reibungslos funktionieren. Ich kaufe das Geschenk, Papa macht den Fahrdienst auch wenn es sein Wochenende ist. Das hat uns 2 Jahre Arbeit gekostet, aber jetzt läuft das getrennt erziehen.
Beim verlassen der Wohnung schnell noch eine Ladung Waschmaschine anmachen.

7:55
Ich lasse den Sohn ein Stück weit von der Kita entfernt aus dem Auto. Trotz Tasche möchte er ein Stück des Weges allein gehen. Er testet sich aus. Seine Grenzen. Seinen Mut. Ich wünsche ihm noch ein schönes Wochenende und sehe seinen traurigen Blick. Ja, wir haben darüber gesprochen, dass der Papa danach erst mal weg fährt… Er ist jetzt schon traurig. Auch wenn es hier gut läuft, Emotionen auffangen muss ich dennoch allein.

8:00
Vom Kindergarten aus düse ich direkt zum Supermarkt. Der Kühlschrank ist leer. Ich kaufe für die gesamte nächste Woche ein. Dementsprechend ist die Rechnung sehr hoch. 

9:35
Zu Hause eben die Post aus dem Kasten fischen und den Wäschekorb aus dem Keller samt den Einkäufen die Treppe hoch balancieren. 

10:00
Alles ist verräumt. Ich setze mich an den Schreibtisch und schreibe. Wenn ich heute schon keinen Sohn vom Kindergarten abholen muss, dann möchte ich wenigstens die Zeit nutzen und bloggen.

Gegen Mittag
Die genaue Uhrzeit weiß ich leider nicht mehr. Denn als mir der Brief aus dem Briefkasten eingefallen war und ich ihn geöffnet hatte, da war plötzlich mein Kopf sehr sehr leer. Der Brief stammt von der Agentur für Arbeit – mein Leistungsbescheid. Ich traue meinen Augen nicht. Die Zahl, die dort steht, MUSS doch falsch sein? Ich muss mich setzen. Wie soll ich DAVON bitte leben? Sofort schießen mir Tränen in die Augen.

Einige Minuten oder Stunden später
Ok, irgend etwas daran muss doch bitte falsch berechnet sein. Ich lese das Schreiben genauer.
„Sie wollen nicht mehr die im Bemessungszeitraum angefallenen durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitsstunden leisten. Das Bemessungsentgelt vermindert sich daher entsprechend dem Verhältnis der Ihnen aktuell möglichen wöchentlichen Arbeitsstunden (22 Stunden) zu den früher geleisteten (32,5 Stunden).“ 

BITTE WAS?

Bisher dachte ich, wird das Arbeitslosengeld anteilig am zuletzt verdienten Lohn der letzten 12 Monate berechnet. Also sprich mit Kind 67% meines durchschnittlichen Lohnes der letzten 12 Monate. Wie ich aber Tage später erfahre, wird das Arbeitslosengeld gekürzt, wenn man nicht die gleiche Stundenzahl wieder arbeiten kann.

Was war also passiert? Ich hatte in meinem Bewerberprofil angegeben, dass ich ab jetzt einen schulpflichtigen Sohn habe und hatte die Schulzeiten als mögliche Kernarbeitszeit angegeben. Denn: Wir haben keinen offiziellen Betreuungsplatz von der Schule, da es zu viele Bewerber waren und ich als Arbeitslose keinen Anspruch auf eine Nachmittagsbetreuung habe.
Auch wenn mich dieser Umstand des „keine Betreuung ärgerte“, so dachte ich, sei das jetzt ja nicht Thema. Denn eventuelle Arbeitszeiten muss man immer neu mit Arbeitgebern verhandeln. Passt schon. Doch die Agentur für Arbeit nahm diese Zeiten und hat sie zur Grundlage meines Arbeitslosengeldes gemacht! Einfach. So.
Das ich übrigens vorher 35 Stunden gearbeitet habe und sich nun mit einem Schulkind die Betreuungsfrage neu stellt und sich das erst regeln muss – das schien hier niemanden zu interessieren. 

Wie soll man denn von einem mittleren 3stelligen Betrag eine Familie ernähren? Allein? Eine Sonderstellung für Alleinerziehende? Ja immerhin wird mir mein Kind mit 7% angerechnet. WOW 7%??? Mega! Nur ist hier kein Zweitverdiener, der das ausgleichen kann. Das ist für mich ganz klar eine Lücke im System! Hier wird die Kinder-Armut gerade eingeleitet! Es merkt nur keiner?! Ich bin (nach wie vor) soooo wütend. Ich bin unfähig, das in Worte zu fassen. Mein Schulkind bzw. die Betreuungsfrage des Schulkindes verhindert ein volles Arbeitslosengeld? Gerade weil ich Alleinerziehend bin und keinen Vater als Springer habe?
Mit den Worten “ Weil Sie nicht mehr wollen?“ wird mir dies in dem Brief so mitgeteilt. Bodenlose Frechheit!

Ich schreibe einer Freundin, was hier gerade passiert. Sie fragt sofort, wie es mir geht, wo mein Sohn ist und ob ich Hilfe brauche. Nein, der Sohn bekommt Gott sein Dank nichts mit. Aber ich werde mich einschränken müssen. Massiv. Mein armes Kind. Die Tränen laufen immer weiter. 

17:30
Ich muss mich fertig machen. Es hilft nichts. Mir steht nämlich noch ein weiterer, traurig-seltsamer Termin an diesem Tag vor der Brust. Eine Abschiedsfeier der besonderen Art. Dort treffe ich auf meine vor kurzem noch sehr nahe stehenden Arbeitskollegen. Den gesamten Abend verbringe ich innerlich bitter lachend, weil das alles so irreal ist: Sie arbeiten noch, ahnen nichts von meinen Geldproblemen und wir nehmen gemeinsam Abschied von einem Arbeitskollegen. Wow. Maximale Überforderung meiner Gefühle.

23:30
Ich komme endlich zu hause an. Der Tag hatte es emotional in sich. Ich gehe einfach ins Bett. Das Chaos, was wir am frühen Morgen angerichtet und ich Mittags schon ignoriert habe, ignoriere ich weiterhin.
Heute bin ich sogar so müde, da kommt selbst kein Gedanken-Karusell gegen an.

 

Ich weiß, diese zwei Tage sind keine zusammenhängenden 48 Stunden. Aber sie sind exemplarisch! Exemplarisch dafür, dass Alleinerziehende

  • allein den Haushalt schmeißen
  • die Kinder emotional auffangen müssen
  • arbeitslos werden können und dann das Kind plötzlich ein vielschichtiges Problem darstellt
  • ein massives Betreuungsproblem haben: Keinen Anspruch auf Betreuung bedeutet weniger Arbeitslosengeld bedeutet weniger Lebensqualität und und und und
  • eine große Portion an guten Freunden braucht
  • unfassbar starke Nerven brauchen

Hier läuft so vieles schief. So viel wird ignoriert, weg geredet, klein geredet. Ich kann diesen Text nur unter Tränen schreiben. Ehrlich. Denn die Wut und die Ohnmacht sitzen tief.

 

Weitere Texte von mir zu diesem Thema:

Wie nenne ich meine Arbeitslosigkeit gegenüber dem Kind
Warum Arbeitslosigkeit Alleinerziehende depressiv macht

 

Fotoquelle: Pixabay.com (Counselling)

29 Kommentare



  1. // Antworten

    Danke für deinen so arg gut getroffenen Text. Ich könnte hier meine persönliche Geschichte erzählen, die so wie alle eure Geschichten hier von Ohnmacht, Geldsorgen, Depresssionen, Wut, Zukunftsängsten, Alleindastehen, Fassungslosigkeit… handelt. Aber ich bin es so leid… Ich habe gerade gar keine Lust und Kraft das alles aufzuschreiben. Ich möchte Dir nur sehr danken für Deine Geschichte.
    Auch ich werde heute beim Schlafengehen ein paar Zukunftsängste-Tränchen kullern lassen – das fühlt sich besser an als es runterzuschlucken und tut gut… und am nächsten Morgen Krone richten und weiter gehts 😉
    Und hoffen, dass wir irgendwann einmal dieses grässliche unmenschliche sogenannte „Sozialsystem“ ändern können.
    Ganz viele liebe Grüße!


  2. // Antworten

    Liebe Petra,
    unbedingt beim Amt anrufen und sagen, dass sie sich geirrt haben. Du stehst Vollzeit zur Verfügung und dein Kind ist nach der Schule betreut durch xy. Dann bekommst du den vollen Satz. Was für einen Job für wieviele Stunden du dir dann im Endeffekt suchst ist egal. Das wird nicht nachgeprüft. Und selber haben sie ja keine Stellen für dich 🙁 Wichtig ist nur, dass du sagst, du stehst zur Verfügung!!!!
    Ganz viel Kraft für dich

    Katja


  3. // Antworten

    Ich war in den ersten anderthalb LebensJahren meines Sohnes auch Alleinerziehende Mama.
    Ich hatte wegen der Schwangerschaft damals die Ausbildung unterbrechen müssen. Doch da die IHK die geleistete zeit nur anerkennen wollte, wenn ich innerhalb eines Jahres wieder anfange, stand ich ganz schön unter Druck. Mein Sohn kam also mit 9 Monaten in die Kita, ich begann meine Ausbildung in Teilzeit fortzusetzen. Hinterher muss ich sagen, dass wir beide das gut geschafft haben. Er ist jetzt ein stolzer sehr selbstständiger fast 8 jähriger und ich hab mit bestnoten ausgelernt. Der einzige Kampf war, die Arbeitgeber zu überzeugen, dass ich trotz damals fast 2 jährigem einsatzfähig bin. Nach über 390 Bewerbungen habe ich sage und schreibe eine Zusage erhalten. Und das wie gesagt trotz bestnoten und Auszeichnung durch die ihk etc. Erwähnte ich meinen Sohn Nicht, wurden mir gleich zig stellen angeboten. Es werden einer Alleinerziehenden Millionen Steine in den Weg gelegt und man fragt sich warum die Gesellschaft einen so herabstuft. Man ist doch kein schlechter Mensch weil man ein Kind hat. Wenn man will kann man Auch arbeiten. Und Lösungen finden ist auch nie ein Problem. Es ist einfach traurig ….


    1. // Antworten

      Kinder als Hindernis, ja, das ist in der Tat traurig. Danke für Deinen Kommentar liebe Jenny!



  4. // Antworten

    Oh wie kommt mir das bekannt vor.
    Ganz großartig ist, wenn dir bei der Agentur ein junges Ding mit Anfang 20 (vermutlich gerade frisch nach der Ausbildung) erklärt, wie du dich mit Kindern zu organisieren hast. Oder wenn es heißt „ja ne, ich kann die Arbeitswege für Sie nicht weiter einschränken. 30km müssen mindestens drin sein.“ Dass längere Arbeitswege mit öffentlichen Verkehrsmitteln bedeuten, dass ich mehr Betreuung bräuchte oder eben weniger arbeiten kann, das versteht man bei der Agentur nicht.
    Ich war mit meinem Studium noch nicht ganz fertig, hatte aber wegen Ende der Bafög-Förderung bereits ein ganzes Jahr Vollzeit gearbeitet und fehlende Projektarbeiten nebenher gemacht. Vorlesungen brauchte ich keine mehr zu besuchen. Die Agentur für Arbeit meinte dann, wenn ich noch immatrikuliert sei, hätte ich keinen Anspruch auf ALG1 und müsse mich exmatrikulieren. Mir fehlte nur noch die letzte Prüfung und sollte mein Studium einfach abbrechen. Anspruch auf Akademikerberatung hatte ich auch nicht, weil ich ja noch nicht fertig war. Meine Zusicherung definitiv Vollzeit arbeiten zu können schien dann nach meheren Rückfragen bei Kollegen doch auszureichen und ich bekam dann wenigstens ALG1.
    Von allen Seiten kamen „gute Ratschläge“. Jeder meinte die Lösung für mich zu haben und wenn ich sagte, es ginge aus diesem und jenem Grund mit den Kindern nicht, entgegnete man mir „ja wenn du halt nicht willst“ und die Ratgeber waren beleidigt. Ständig artig DANKE sagen und wissen, dass es nicht funktioniert, als Pessimist bezeichnet werden, als faul. Es schlaucht.
    Einige Wochen und einen Zusammenbruch später fand ich endlich eine neue Stelle, machte 6 Wochen nach der Einstellung einen Tag Urlaub und absolvierte meine Prüfung. Mittlerweile hab ich meinen Studienabschluss, darf mich Bachelor nennen. Was hat mich das alles Nerven gekostet.
    Wünsche dir ganz viel Kraft für die Suche und deinen Sohn und vor allem für dich.


    1. // Antworten

      Gut, dass Du es geschafft hast! Und gut, dass Du nicht aufgegeben hast!
      Ja, man kann das alles schaffen, aber das System ist hier trotzdem veraltet und gehört verändert!


  5. // Antworten

    Hallo. Mit Tränen in den Augen las ich deinen Bericht. Ich, alleinerziehend, mit befristeten Arbeitsvertrag, suche seit acht Monaten „angemessenen Wohnbedarf “ . Die Leistung wird bei ob ich etwas finde oder nicht.


    1. // Antworten

      Ich wünsche Dir sehr sehr viel Erfolg!


  6. // Antworten

    Das hast du wirklich treffend beschrieben, es ist genau so, wie du es schilderst. Ich habe diese Information seinerzeit auch bekommen, als ich vor der Einschulungssituation stand, wenn auch nicht alleinerziehend, und konnte es nicht glauben. Dazu kommt, dass die Schulen oft einen Arbeitsnachweis haben wollen, damit man überhaupt einen Betreuungsplatz bekommt.
    Heute unterstütze ich selber Frauen in Phasen der beruflichen Neuorientierung. Melde dich gerne, vielleicht kann ich dir irgendwie weiterhelfen. Alles Gute für dich und deinen Kleinen!


    1. // Antworten

      Hallo Cathrin,

      danke für Dein Angebot!
      Ich denke, darüber nach 😀 Gut, dass Frauen hier zusammen halten wollen!


  7. // Antworten

    Ehrlich geschrieben und auf den Punkt gebracht. Es ist teilweise haarsträubend, wie in unserer Gesellschaft und v.a. Behörden Alleinerziehende positioniert sind. Von den Vorurteilen ganz angesehen! ABER: davon darf man sich nicht unterkriegen lassen. Immerhin sind in deinem Fall ja auch Großeltern in greifbarer Nähe, was bei vielen Alleinerziehende nicht gegeben ist. Also: Zähne zusammenbeissen und durch – nach dem Motto „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker!“ Habe selbst meine Tochter (16 J) trotz Studium und prekären Arbeitssituationen groß bekommen. Es ist wenn auch manchmal heftig, so doch zu schaffen! Alles Gute!


    1. // Antworten

      Liebe Anna,

      ja, ich habe ein Privileg mit den Großeltern. Aber was ist mit allen, die es NICHT haben?
      Ich finde das haarsträubend!


  8. // Antworten

    Ich schließe mich Bea an. Und muss Nikki leider widersprechen, da ich auch schon ALG bezogen habe. Wenn du nicht sagst, du stehst dem Arbeitsmarkt Vollzeit zur Verfügung, dann gibt’s meines Wissens auch nicht das volle ALG. Ich würde Widerspruch einlegen und sagen, dass das ein Missverständnis ist (Ist es doch? Du suchst einen Vollzeitjob?), und auf Neuberechnung bestehen.

    Liebe Grüße und alles Gute!


    1. // Antworten

      Es ist, wie Du sagst: Weniger Arbeitszeit = weniger Geld. Da es sich hier um einen Text zum Projekt #48stundenalleinerziehend handelt, habe ich alles was danach kam (noch) gar nicht verbloggt. Der Widerspruch läuft noch. Und ja, ich suche Vollzeit! Da meine Lehrtätigkeit ja auch nicht unterstützt wird (grummel).


  9. // Antworten

    Liebe Petra,
    ist das eine „True Story“, oder exemplarisch für viele Alleinerziehende? Ich kann es gar nicht glauben, was die AfA da schreibt…Du MÖCHTEST nicht mehr die vorherigen Stunden arbeiten, und deswegen wird erst mal das ALG gekürzt? Erstmal hat ja das eine nichts mit dem anderen zu tun, und es geht ja nicht um MÖCHTEN oder WOLLEN sondern um KÖNNEN!
    Ich hab auch schon überlegt, wie ich es nach den Sommerferien machen soll. Eine Strecke 56km, Kind soll um 16 Uhr abgeholt werden. Ich kann ja auch nicht sagen:“Na dann fang ich morgens eben eher an!“ NEIN, denn auch da springt niemand für mich ein.
    Und wenn man dann noch Kollegen hat, die sich lustig über einen machen, obwohl sie gar nicht wissen, was Sache ist:“Ah guck mal, da kommt Frau „Stau““; „Ach, DIE 10 Minuten, die es wegen der Baustelle morgens länger dauert“. Ja, DIE zehn Minuten, die ich dann dranhängen muss plus weitere 10 Minuten, die der Rückweg länger dauert…da ist der Puffer von einer halben Stunde, den ich zur Abholzeit habe, schnell ausgereizt. Und nach den Sommerferien fehlt mir noch mal eine halbe Stunde.
    Was tun, sprach Zeus? Tja, Augen zu und durch. Oder die Arbeitszeit reduzieren und aufstocken? Oder einen Tag mehr arbeiten fahren, die Stunden so anders verteilen, aber noch zusärztliche 112 km mehr die Woche für einen 25h/Job??? Und wenn man dann noch hört:“ Aber du arbeitest doch nur 25h/Woche, das ist doch locker zu schaffen…!“ JA???

    Grmml. Aber es hilft nix. Wie schriebst Du so schön: Krone richten und weiter.

    LG Silke


    1. // Antworten

      Liebe Silke,
      oh man. Es ist so schwer, dass so viele das Schicksal teilen. Ja, die Betreuung von Kindern UND das Arbeiten ist für Alleinerziehende einfach Höchststrafe.
      Und das KÖNNEN hat leider (bisher) niemanden interessiert.


    2. // Antworten

      Liebe Silke,
      es ist so traurig, dass so viele ein gleiches Schicksal teilen.
      Ja, es hat wenig mit KÖNNEN zu tun und das hat (bisher) noch niemand eingesehen. Arbeiten, Kind UND Betreuung ist für Alleinerziehende Höchststrafe.

      Ich hoffe, Du findest eine Lösung für euch! Alles Gute!


  10. // Antworten

    Eigentlich müsste man dann doch gerechter Weise auch mehr Arbeitslosengeld kriegen, wenn man angibt, dass man statt 32,5h jetzt 40h arbeiten will, oder?
    Du hast doch Großeltern in der Nähe? Sie sollen Dir schriftlich bestätigen, dass sie die Kinderbetreuung über die Schulbetreuungszeit hinaus übernehmen, damit Du volles Arbeitslosengeld bekommst. Ich bin zur See gefahren und meine Tochter war dann immer 4 Monate komplett bei meinen Eltern 800 km von meinem Wohnort entfernt und hatte damals, als ich arbeitslos wurde, keinen Kindergartenplatz vor Ort. Da waren sie auch schnell da mit dem Argument, dass ich aufgrund von fehlender Kinderbetreuung ja gar nicht arbeiten könnte…
    Und suche Dir schnellstmöglichst eine Beratungsstelle, die Dich/Alleinerziehende oder allgemein in sozialrechtlichen Dingen berät, denn es gibt Fristen für einen Einspruch gegen Deinen Bescheid. Es ist ingesamt sehr nützlich, wenn man eine solche Beratungsstelle findet, zu der man Vertrauen haben kann. Es macht nämlich mehr Sinn, seinen Kummer dort auskotzen zu können – und geholfen zu kriegen, als sein Umfeld Freunde und Familie zu belasten, die dann oftmals auch hilflos der Situation gegenüber stehen. Lass Dich nicht unterkriegen.
    Und wenn beim ALG1 für 1 Erwachsenen plus 1 Kind im mittleren 3steligen Bereich liegt, dürftest Du zusätzlich dazu noch Anspruch auf ALG2 haben.


    1. // Antworten

      Lieber (?) Yorikke,
      vielen Dank für die vielen Hinweise! Und Danke für das Mut machen!

      Es war ein Projekt, welches #48stundenalleinerziehend zeigen sollte. Ich habe (noch) nicht geschrieben, was ich wann wie unternommen habe und werde. Aber es tut sehr gut, dass andere Lösungsvorschläge bieten.

      Traurig macht mich allerdings, dass so viele das gleiche / selbe Problem haben -.-


  11. // Antworten

    Vielen Dank für Deinen Beitrag zu der Aktion #48stundenalleinerziehend, es macht unglaublich wütend und ich wünsche Dir von Herzen alles Gute!


    1. // Antworten

      Ich danke DIR für diesen Blogaufruf! Lest alle bei ihr nach, was andere schreiben!


  12. // Antworten

    Hallo Petra,
    ja, ich denke – so wie du es auch schreibst – ,es liegt ein Fehler in der Berechnung vor.
    Die Arbeitslosenversicherung ist für Arbeitnehmer + Arbeitgeber eine gesetzliche Pflicht, du erwirbst daraus einen gesetzlichen Anspruch, dessen Höhe sich nach der Höhe des vorausgegangen Einkommens richtet. so wie du es ja auch erklärst. Der Anspruch auf ALG I ist unabhängig von Bedürftigkeit, anders als ALG II, auch ein Multimillionär hat Anspruch, niemand muss dafür Vermögensverhältnisse offenlegen.

    Es erschließt sich mir nicht, warum dein ALG I gekürzt wird, weil die künftig angestrebte Arbeitszeit geringer ist als die bisherige.
    Mit dieser Logik müsste ein Bezieher von ALG I, der nach der Arbeitslosigkeit bereits den Vorruhestand / Ruhestand anstrebt, komplett gekürzt werden.
    Mit dieser Logik müsste auch ein Bezieher von ALG I, der für die Zukunft eine Selbständigkeit plant, also dann nicht mehr in die gesetzliche Plfichtversicherung fällt, komplett gekürzt werden.
    Und Wunsch heißt auch nicht Wirklichkeit, viele wünschen sich Teilzeit oder Vollzeit, bekommen dann aber Minijob oder müssen ALG II beantragen.

    Der Anspruch auf ALGI ist rückwirkend , da du diesen Anspruch bereits durch deine Beitragszahlungen erworben hast, ist die berufliche Zukunftsplanung eigentlich irrelevant.

    Ich finde das Schreiben vom Arbeitsamt wirklich vogelwild (wie man hier im Süden sagt:) ), du wirst es sicher nochmal überprüfen lassen und ich würde mich echt freuen, wenn du nochmal darüber schreibst, was dabei rausgekommen ist.

    Bis dahin gute Nerven und alles Liebe , Nikki !


    1. // Antworten

      Danke für den Versuch, dass Du dies logisch erklären willst 😀
      🙂
      Aber leider ist es so, dass die Arbeitsstunden eine Rolle spielen. Und ja, würde ich sagen, ich werde Selbständig, dann steht mir nichts zu. Darum muss man bei allen Anmeldungen auch angeben, was man wie noch „neben her“ macht.


      1. // Antworten

        Ich bin echt leicht von den Socken, so eine Regelung hätte ich mir nicht träumen lassen. LG


  13. // Antworten

    Danke für diese präzise Schilderung…..! Ich müsste vielleicht ein paar Eckdaten ändern, aber die grundlegende und (meiner Meinung nach) wichtigste Info bleibt die gleiche: Alleinerziehende sind nicht so vorgesehen, werden von Institutionen nicht aufgefangen, nicht verstanden, nicht unterstützt, in die Verzweiflung getrieben: emotional und finanziell. Leider habe ich damit auch schon zu viele Erfahrungen gemacht.


    1. // Antworten

      Das tut mir leid, liebe Bea! Für Dich auch alles Gute!
      Und ja, es ist nicht gedacht, dass man alleine erzieht. Das System ist alt, wir Menschen ändern unsere Lebensweise aber immer weiter.

Hinterlassen Sie mir doch einen Kommentar :) Danke