Bei uns wohnt ein Modediktator

Ja, bei mir zu hause wohnt ein Modediktator. Er ist, wie es der Name Diktator schon verrät, sehr strikt in seinen Vorgaben, zieht seine Konsequenzen, wenn es Vergehen zu bestrafen gilt und duldet (typisch für Diktatoren) keine andere Meinung neben sich. Darf ich vorstellen: E.! E. ist 5 Jahre, wohnt hier auch schon genauso lang und ist Männlich – nur, damit hier keine Vorurteile oder falsche Annahmen entstehen!

Herzlich willkommen in der Modewelt meines fünfjährigen Sohnes

Sohn im Piraten-OutfitWas soll ich sagen? Das Leben mit einem Diktator ist – jetzt kommt ein überraschender Satz – genauso anstrengend wie auch leicht und genauso frustrierend wie auch regelorientiert? Glaubt ihr nicht? Doch! 

Alles begann im Winter 2015. E. entdeckte in der Kita, wie wunderbar leicht es sich doch spielen lässt, wenn man eine Strumpfhose wahlweise auch Leggins trägt. Unser Kindergarten ist vorbildlich und geht bei nahezu jedem Wetter raus, aber bei Eis und Schnee nun – Gott sei dank – auch nicht. So braucht man als angehender modebewusster (damals) Vierjähriger nicht auf außentaugliche Garderobe achten. Eine Leggins und ein Shirt reichen vollkommen aus, um den Tag in Spaß und Spiel erfolgreich zu erobern. 

Sich „etwas erobern“ ist für Diktatoren ja auch mehr als typisch und so begab es sich, dass meiner hier seinen Kleiderschrank für sich eroberte. Und so gab es fortwährend folgende Dialoge im Winter 2015:

„NEIN! Den Pulli ziehe ich nicht an, der ist zu dick!“
„Aber draußen ist es kalt.“
„Mir EGAL!“
„Dann zieh wenigstens eine Jacke / ein Shirt noch zusätzlich an“
„Nur, wenn ich die im Kiga ausziehen kann! Sonst NEIN“
„Aber ne Hose, die muss über die Strumpfhose drüber!“
„Nein!“
„Natürlich, du kannst doch nicht so frieren?!“
„Doch!“

Ja, er sagt tatsächlich Kiga und ja, die meisten unserer Dialoge liefen natürlich nur bis zu dem aufgezeichneten Punkt so friedlich ab. Alles im Anschluss endete entweder in kurzem Handgemenge, mal mehr mal weniger kurzem Geschrei und oder Resignation. Meinerseits. Versteht sich, oder?

Recht untypisch für Diktatoren fanden wir allerdings einen Kompromiss. Na gut, ich bin ja immer noch einige Jahre älter als unser Modediktator hier und so brachte ich ihn im Winter bis zum Frühjahr dazu, den Zwiebellook zu bevorzugen: Anziehen und postwendend in der Kita wieder ausziehen. Das war ok. Immerhin wurde das morgendliche Anziehen nun leichter, denn einmal so eine Regel festgesetzt, war die Welt für E. in Ordnung. Wunderbar – eine Phase überwunden.

Mode bei uns zu hause im Jahr 2016

Der Sommer 2016, dachte ich, wird da leichter. Dann gibt es einfach weniger, was man anziehen kann.
Mein Gott, was war ich naiv!
Ich habe eine sehr kaufwütige Ex-Schwieger-Dingsda und selbige hat einen für mich echt fragwürdigen Geschmack. Leider fand das auch mein Sohn. Und an alle, die Manipulation von meiner Seite aus befürchten: ICH WERDE MICH HÜTEN! So sind die Kleidungsstücke ja nun gekauft, da rede ich sie nur dem Kinde aus, wenn sie in Ausnahmefällen seeeehr hässlich sind oder aber nicht passen.

Dennoch befand E.:

Kinder-Kleiderschrank aussortieren - in einer Tüte gesammelte Kleidung„Das da [angeeckeltes Gesicht einfügen] ziehe ich nicht an!“ BÄHM! Neue Jahreszeit, neue Versuche diktatorisch auf die Kleiderwahl Einfluss zu nehmen. Bei „das da“ handelte es sich im Übrigen um eine Bermuda-Jeans, die er im Herbst 2015 noch heiß und innig geliebt hatte. Ok, Geschmäcker wandeln sich ja, aber dieser Wandel durchzog den kompletten Kleiderschrank. Wie man das so macht am Anfang des Sommers, sortierten wir aus. Hätte ich ihn gelassen, den kleinen Diktator, wäre der Schrank ausschließlich mit einer schwarzen Leggins 3/4 und seinem Fußball-Dress ausgestattet gewesen.

Hallo? Selbstbestimmt sein ist echt wundervoll, aber das geht irgendwie zu weit. Auch hier wandte ich die Taktig des „ich rede so lange, bis du denkst, es war deine Idee“ an und wir kamen zu dem Kompromiss, dass wir 1-4 neue Teile käuflich erwerben würden und dazu ja dann das ein oder andere aussortierte Teil passen könnte. Gesagt getan.

Nach besagtem Einkauf saß ich hier und da hatte ich das erste Mal die Erkenntnis: Du hast deinen Sohn am Aussortieren gehindert, weil er eingesehen hat, dass man Mode KOMBINIEREN kann? Ach du heiliger Bimbam! Wäre ich ein vorurteilsbeladener Idiot, ich könnte Angst haben, er würde Schwul. Bin ich nicht, keine Sorge. Das dachten dann andere für mich. Ich staunte nur und freute mich, denn wieder eine Regel gefunden, schien sie den Sommer über zu gelten: Wir überlebten mit kurzen Hosen, einigen kurzen (wichtig!) Shirts und ganz oft den selben Kleidungsstücken in der Wäsche.

Nun, ihr werdet denken, das ist ja alles noch völlig ok. Oder? Stimmts? Kinder wollen mitbestimmen. Alles unspektakulär. 

Kompliziert wird es erst, wenn das Kind – pardon der Diktator – beschließt, dass heute ein Batman-Tag sei. An diesem Tag können alle im Haushalt lebenden Personen nur Schwarz eingekleidet sein. Er selbst trägt – selbstverständlich – seinen Batman-Schlafanzug. Draußen herrschen nicht nur echte Diktatoren sondern auch der Sommer und so begann ich an einem der besagten Tage eine erfolglose Kommunikation mit „aber es ist doch so warm?!“.

„Ja und?“ zog es kopfschüttelnd in die Kita von dannen. 

Weitere solcher Geschichten werde ich nicht veröffentlichen, weil ich das nicht schriftlich festhalten will. Das würde für mich unter „Könnte mit 12 zu Mobbing führen“ fallen. Aber ja, stellt euch absurde Kombinationen vor!

Unseren Höhepunkt erreichten wir, als der Diktator weiteres Gebiet erobern wollte:
„Mama! So kannst du nicht ins Büro! Du musst eine Kette zum Kleid anziehen.“ „Die andere Bluse ist deutlich schöner.“ „Die Hose passt, die andere nicht so.“

Kinder nach ihrer Meinung zu fragen, hielt ich bis zu diesem Zeitpunkt für eine hervorragende, erzieherische Methode. Wenn das morgendliche Anziehen allerdings die 35 Minuten-Marke (im SOMMER!) überschreitet, weil die heutige Laune nicht den Kleidungsstücken – also SEINE Laune mit MEINEN Kleidungsstücken – entspricht, werd ich narrisch! Wir dämmten das zu tyrannisierende Gebiet des noch jungen Herrschers wieder auf seinen eigenen Kleiderschrank ein. Punkt. Immerhin gibt es hier immer noch so etwas wie eine Opposition.

Sohn in einem coolen Pulli auf der CouchNun ist aber Herbst. Viele der alten Kleider passen nicht mehr. Immerhin ist er 7 Zentimeter im letzten Jahr gewachsen, sagt der Arzt. Ok, wir surften etwas im Netz (Blogger-Kinder eben) und fanden einige aparte Kleidungsstücke (die selbstverständlich von mir vorher vorsortiert und preislich analysiert wurden, ich bin Mutter – nicht verrückt). Just gestern trafen die ersten heiß ersehnten Teile ein. Der Pulli – JA, ein Pulli! Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, etwas dickeres als ein T-Shirt dem Gebieter schmackhaft zu machen – sagte heute morgen schon mal zu! Puh! Glück gehabt! Ich werde als Modeberaterin noch nicht sofort entlassen. Die mega coole Hose, auf die ich selbst etwas neidisch bin, wurde allerdings so kommentiert: 

„Nein. Die nicht.“

Was? Wie bitte? Wir hatten diese Hose ausgesucht, mehrfach überlegt und für sau-cool befunden. 

„Die ist zu weit an den Beinen. Ich ziehe nur Hosen an, die eng anliegen. So richtig eng. Sonst flattert das nur so.“

So. Und seit dem sitze ich hier, bin sprachlos und überlege, wie ich diesen Winter 2016 mit meinem Modediktator wohl weiter verbringen werde. Wie viele Hosen werden wohl dem Postboten wohl noch unterkommen, ehe wir ein Kita-Winter überleben können?
Zwiebellook geht übrigens schon mal nicht. Das hat er in den Statuten für diesen Winter schon vermerkt.

Eins habe ich jedenfalls gelernt: Seinen eigenen Willen und Geschmack kann man wohl auch mit 5 innerhalb von 12 Monaten einmal um 180 Grad drehen und dann sehr wohl zum Ausdruck bringen! 

Es gibt noch ein P.S., weil ich es ebenso lustig wie gefährlich finde

P.S.: Was hier so humorvoll rüber kommen soll, ist zeitgleich aber auch ein sorgenvolles Beobachten meines Kindes. Denn ich schwanke noch zwischen den Gedanken „er hat eben seinen eigenen Geschmack“ und „er ist kein Diktator sondern eher Unterwürfiger“.

Denn: Ich weiß eben nicht immer, woher er die Idee hat, dass Hosen eng sein müssen oder ob er selbst gern Fußball-Shirts trägt- Manchmal denke ich, dass in der Jungsbande in der Kita manche Sachen recht derbe kommentiert werden und er es trägt, um anerkannt zu werden. Einige Farben beispielsweise dürfen gar nicht vorkommen, andernfalls würde man in die Kategorie „Määädchen“ abrutschen. Und so viel ich hier verstanden habe, gilt es das schon mit gerade 5 zu verhindern.

Dann wieder überrascht er mich, weil er sehr strickt Dinge anzieht, die garantiert zu dummen Kommentaren führen werden. 

Kurz um, ich werde es beobachten und diesen Winter wohl öfter erwähnen, dass Freunden das Äußere ziemlich egal sein sollten – und das mein Kleidungsstil nur bis zu einem gewissen Grad kritisiert werden darf 😉

In diesem Sinne, was ziehen wir morgen wohl an, wo wir doch krank zu hause sind?

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