Was Eltern und Reiter (neuerdings) gemeinsam haben

 Meine erste Reitstunde seit pssst-Jahren. Da war sie endlich. Heute. Und eigentlich wäre sie nicht so spektakulär (was soll ich ihnen über meinen unsicheren Sitz erzählen oder über Schmerzen in den Knien, weil man den Körper zu Bewegung zwingt?), wenn da nicht ein oder zwei Erkenntnisse gewesen wären, die mich im Nachgang erreicht haben. Denn jetzt ist mir klar, was Eltern und Reiter so gemeinsam haben sollten (keine Ironie im übrigen) 🙂

Doch noch einmal kurz zu meiner Reitstunde, damit sie verstehen, wie ich zu meinen Geistesblitzen gekommen bin. 

Gestern Abend saß ich auf meiner Couch und hatte eine Art Rückblende mit folgender Erzählerstimme in meinem Kopf:
Vor so vielen Jahren hast du dir auch ein Pferd aus dem Stall geholt, hast es in die Reithalle geführt, teilweise ängstlich, wenn es ein furchtbares Pferd war und bist mit 10-15 anderen Mädchen im Kreis geritten. Du hast dort Null Komma Null gelernt. Es war furchtbar für die Pferde. Für dich auch. Was genau erhoffst Du dir eigentlich? Warum tust du dir das noch einmal an? Glaubst Du immer noch an die Pferderomantik?

Heute morgen um 9h traf ich im Reitstall ein und somit auf ein gescheckte, mittelgroßes Pony (mit rührender Geschichte, aber das ist ein neues Thema) in der Stallgasse. Satteln, in die Reithalle führen. Alles wie ich es in Erinnerung gehabt hatte. Dann allerdings deckt sich nichts mehr mit meinen früheren Erfahrungen: Die Reitlehrerin ist ausgebildet mit Trainerscheinen und sonstigen Zertifikaten (keine Ahnung ob der Idiot von damals das hatte). Die erste Stunde fand an der Longe statt, nicht frei. Ich war allein mit ihr und dem Pferd (auf dem ganzen Hof). Niemand, der zusah, niemand, der uns störte. 

WOW! Wann genau hatte ich zuletzt die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Lehrerin nur für mich??? Ein wohliges Gefühl!

Dann ging es los mit Aufsteigen, langsamer Schritt – und vielen ÜBUNGEN! Ich habe mich in all meinen 2 Reitjahren nicht so viel auf dem Pferd bewegt wie heute. Jedenfalls erinnern kann ich mich daran überhaupt nicht. Hände hier hin, Hände da hin, Füße hier hin, Körper drehen und dabei entspannt quatschen. Dann mal antraben wieder Übungen drehen wenden aussitzen leichtraben… DAS HAT SO VIEL SPAß gemacht!

Nach einer Stunde war ich fix und fertig, aber unfassbar glückselig. Allein dafür müsste man schon einen Beitrag schreiben. Aber ich  möchte ihn noch ergänzen. Denn am Nachmittag hatte ich Zeit meine Eindrücke etwas zu konkretisieren und staunte nicht schlecht:

Mensch, das läuft ja irgendwie anders ab als früher. Wie kommt das?

Als ich so recherchierte und (meiner/m Beruf(ung) folgend) in Blogs las, stellte ich schnell fest, wie sehr sich das Reiten doch in 2 Jahrzehnten verändert hat! Es ist immer noch Prestige (so scheint es), aber der Ansatz ist ein völlig anderer. Ich bin total begeistert, mit welchen Ansätzen da gearbeitet wird:

Das Pferd spiegelt uns – Es geht ums fühlen – Wir für das Pferd, nicht das Pferd für uns.

Ich werde einzelne Beiträge noch einmal raussuchen und verlinken, aber es ist auch kein einsamer Gedanke, den ich hier wieder gebe, sondern offensichtlich eine ganze Bewegung (mit diversen Ausrichtungen), die ganz anders denkt, wie früher. Viel mehr Tierverbunden.
Ich gebe zu: Das allein ist ja nun auch keine Seltenheit mehr und liegt eher im Trend. Man muss uns Menschen aber zu gute halten: Wir entwickeln uns alle weiter. Und wenn es eben gerade Richtung Natur ist, dann ist das zu begrüßen. Es geht aber um noch etwas.

Im Vordergrund steht die ACHTSAMKEIT!

Und das ist genau genommen das, was mich so happy macht und was mich gerade so begeistert. Wer mir nicht nur hier, sondern auch auf Twitter etc. folgt, weiß, dass ich versuche mich sehr in solchen Dingen zu schulen. Ich verfolge meine Achtzehnkeiten, ich übe mich in Achtsamkeit meinem Kind gegenüber, lege Wert auf Gefühle und Tugenden. 

Selbst wenn ich noch einige Zeit brauchen werde, damit ich alte Verhaltensmuster durchbrechen und ich mit meinem Sohn einen anderen Umgang hegen kann, so bin ich Befürworter von Montessori, Marte Meo und Waldorf – einzig, weil das Kind eben nicht als Leistungsträger, als „Du-MUSST“-Lehrling und „Jetzt-aber“-Gehorcher angesehen wird. Sie fühlen, sie denken und sie handeln wie MENSCHEN, wie wir! Behandeln wir sie so und wir können auf diesem Wege das Beste aus ihnen herausLOCKEN. 

Tiere erleben das auch so (manche mehr, manche eben weniger): sie fühlen Schmerz und Liebe (oder eben Lob und Strafe oder wie auch immer Sie das nennen mögen). 

Also liebe Reiter und liebe Eltern – Sie haben vielleicht doch mehr gemeinsam, als Sie dachten?

Fazit

Damit ist dieser Artikel vielleicht kein Beitrag zu den Achtzehnkeiten – passt aber dennoch ganz gut: Wenn Reiter es schaffen, uralte Traditionen von Gerte und Zwang hinter sich zu lassen. Wenn Eltern anfangen ihren Kindern nicht immer nur mit Drohungen oder Antiautorität zu begegnen. Wenn Menschen auf Natur und Kinder Acht geben. Wenn wir unseren zwei- oder vierbeinigen Gegenüber als Spiegel begreifen, von dem wir etwas lernen können und wir uns dadurch weiter entwickeln.

Dann finde ich, ist diese Welt doch noch nicht ganz so verloren, wie es manchmal scheint… Und das tut gut!

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