Gebt auf die Mütter Acht!

Heute hatte ich tatsächlich eine der längsten, spannendsten und inspirierenden Twitter-Unterhaltungen, die man sich vorstellen kann. Also ich hatte das bisher nicht. Es ging im Mitmach-Mittwoch von Top-Elternblogs um die Frage „Darf man noch Hausfrau sein?

Eine Frage zu einem hochbrisanten Thema, wie wir gesehen haben, denn gerade jetzt wird die liebevoll genannte Herdprämie vom Gesetz gekippt. Keine 150,- Euro mehr, wenn wir unsere Kinder zu hause betreuen.

Nehmen Sie sich mal nen Kaffee, es ist spät, könnte jetzt etwas anstrengend werden. Ich merke auch jetzt schon an, das viele meiner Gedanken und Argumente sicher noch fehlen, aber das ist mein Ausruf für heute: Gebt auf die Mütter Acht!

Wie war das bei mir?

Na ja, im Grunde muss ich sagen, uns. Denn ich habe damals noch nicht allein entschieden. Nein, damals traf ich die Entscheidung für ein Kind UND für eine eigene Firma mit meinem Expartner und zwar einvernehmlich (so dachte ich jedenfalls immer, böse Zungen behaupten das Gegenteil). Kind? ja! Job? ja! Wir schaffen das schon!
So war schnell klar, ich bleibe nicht lange daheim, als der Lausbub im Herbst 2011 zur Welt kam – wir haben da eine noch größere Aufgabe und die heißt Kind2.0=Firma. Nachdem der Winter vorbei war, bin ich dann tatsächlich mit meinem Kind ins Büro gefahren. 8 Monate lang glich unser Büro einem Kinderzimmer. Wir hatten alles: Wippe neben dem Schreibtisch, Babybett neben dem Konferenztisch. Und wir hatten wunderbare Vermieter und Nachbarn, die jedes Weinen und jedes Gebrüll tapfer ertrugen. Ich fand es wunderbar. Wunderbar praktisch. Es stellte sich nie die Frage, bleibe ich daheim (das ich es hätte tun sollen, dazu später mehr). Aber eines erntete ich: Viel Kritik oder wenig Lob. Das erntete ich nie: Unterstützung!

Als der Lausbub 3/4 Jahr alt war, zeichnete sich ab, dass das nicht lange gut geht mit der Vereinbarkeit von Kinderzimmer und Arbeitszimmer. Also suchten wir eine Tagesmutter, die in der Nähe lag. Auch hier fand ich die Lösung wunderbar praktisch. Der Lausbub war betreut, ich konnte halbe Tage arbeiten, kam raus, baute ein Unternehmen mit auf und alles ist schön! Mein Leben lacht heute noch über meine Naivität!
Ja ja, von den vielen Krankheitstagen wollte ich anfangs nichts hören. Und mein Bauchgefühl, dass diese Tagesmütter mein Baby nicht verstehen, habe ich auch ignoriert. Aber hatte ich eine Wahl? Ich glaubte, keine zu haben.  Es gab Arbeit, die Firma lief gut. Also ran an den Speck. Ich glaube bis heute, dass Fremdbetreuung  (Bescheuertes Wort! Kennt man doch in der Regel Tagesmütter und Erzieher) mehr als gut sein kann für ein Kind. Meines aber hätte mich gebraucht. Das weiß ich nun! Ich ignorierte das, weil ich arbeiten wollte, musste und auch gerne tat! Denn nur zu hause sein, das wollte ich doch nie…
Aber eines erntete ich: Viel Kritik oder wenig Lob. Das erntete ich nie: Unterstützung!

Tagesmütter sind unfassbar teuer und es gibt keine Förderung für Mütter, die arbeiten wollen oder gar müssen („Unvorstellbar, Sie wollen wirklich arbeiten“). Also wollte ich einen U3 Platz in einer Kita für den Lausbuben. Am liebsten mit pädagogischer Ausprägung. Bekam ich aber nicht, egal welche Pädagogik ich anstrebte. Ausgebucht. Mein Heimatort schien keinen einzigen U3 Platz zu haben. Ich sah mich in größter Not! Denn Tagesmutter wollte ich nicht mehr, mit ins Büro ging nicht mehr. Gott sei Dank bekamen wir dann in einem, wie sich heraus stellte, wunderbarem Kindergarten (mit Mittagsbetreuung bis 16h) einen Platz. Welch Segen!
Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nicht zu hause bleiben können! DAS hat aber tatsächlich niemand verstanden.
Also erntete ich: Viel Kritik oder wenig Lob. Und erntete nie: Unterstützung!

Dann trennten der Ex und ich uns und ich zog sogar in die Nähe der Kita. Da war der Lausbub 3 Jahre alt. Ich beschloss, auch die Firma zu verlassen und war plötzlich mit Kind und Kegel irgendwie… allein. Im Übrigen: Betreuungsgeld oder Unterhalt für die Mama… weit gefehlt! Wenn ich also die Trennung gewollt oder gar geplant (böse Zungen behaupten auch das) hätte, dann war der Zeitpunkt echt dumm gewählt. Aber auch mit solchen Fragen muss man sich auseinander setzen… Hätte ich nie gedacht!

Aber ich arbeitete weiter. Ja, ich hätte auch einfach nichts tun können, faul sein können. Es gab seeehr viele, die das verstanden hätten. Aber ich wollte, möchte gern arbeiten, ich möchte selbständig sein! Ich liebe es und ich liebe, was ich tue. Mit Leib und Seele habe ich fortan Konzepte geschrieben, mit Bänkern diskutiert und mit Geschäftspartnern verhandelt. Ich kann das, ich mag das, ich bin darin gut.  Der Lausbub wurde endlich im allgemeinen etwas gesunder und ging in die Kita – das Leben schien gut!
Aber eines erntete ich –  sie ahnen es bereits: Viel Kritik oder wenig Lob. Das erntete ich nie: Unterstützung!

Das stimmte so nicht, nicht alle verweigerten die Unterstützung: Mein Geschäftspartner gab mir ja eine Chance. Und zwar mit dem Vorsatz, dass ich Mutter sei: „Die sind so wahnsinnig flexibel“. Es gibt sie, die Ausnahmen! Sie sollten erwähnt werden. 

Und dann stagnierte alles. Der Sommer kam und niemand wollte jetzt von mir etwas hören. Bänker nicht, Unternehmer nicht und Kunden erst Recht nicht. Und ich ließ mich verleiten. Schleichend, wie eine Katze auf Samtpfoten hat sich da etwas geändert: Ich genoss endlich mal meinen Sohn! Wir schliefen etwas länger, weil Mama ja auch später arbeiten kann. Wir machten mehr Quatsch, weil außer Geldsorgen gerade mal nichts anstand. Wir fanden uns beide endlich als Familie!

Fazit – arbeiten oder nicht?

Jetzt bin ich eine entspannte Mutter, die endlich die Zeit mit ihrem Kind wertschätzen kann (was sie vorher nie konnte, Sie lesen ja: Es gab immer was zu tun, ich war immer beschäftigt).

Aber es gab plötzlich neue Probleme: Ich kann aber nun plötzlich das Selbständigen-Dasein kaum meistern. Denn als alleinerziehende Selbständige musst du immer 1000% geben, sonst wird das nichts. Aus Angst vor BurnOut oder ähnlichem hatte ich eh stets nur 600% gegeben und mir regelmäßige Auszeiten verordnet! Ich wollte so zu sagen, gesund selbständig sein. Nicht so, wie beim ersten Mal in der Partnerschaft. In diesem Moment in dem ich hier schreibe, weiß ich allerdings nicht, ob ich über diesen Gedanken lachen oder weinen soll. Denn unsere Gesellschaft lässt so etwas nicht zu, das gesunde Arbeiten! Entweder hast du Geld, dann kannst du gern in etwas investieren und groß werden, oder du rackerst dir den Hintern wund, gibst dein Kind 24 Stunden ab und gehst nach 5 Jahren am Stock.

Warum in alles in der Welt klappt das nicht? Ich weiß, Sie lesen gerade meinen Weltschmerz Deluxe, aber die Probleme sind da!

Man kann sie nicht übersehen: Mütter werden, egal mit welchem Lebensmodell sie liebäugeln immer ins Hintertreffen geraten!

Warum? Wie Sie lesen konnten, habe ich so ziemlich jedes Modell durch (ich war Angestellte in der eigenen Firma, hatte also nicht Narrenfreiheit und vor allem: Nach der Trennung brachte dieser Umstand nur Ärger!), was man als Mutter leben kann. Moment: Patchwork fehlt mir (wer möchte?).

Und immer wurde ich kritisiert und beschimpft oder eben bewundert und viel zu sehr belobhudelt. KONKRETE Unterstützung für mich als Mutter gab es aber nie. Immer hatte ich das Gefühl, ich bin bei jeder Behörde UND bei jedem Bekannten ein Sonderfall:

„Sie arbeiten und suchen eine Tagesmutter für 1 Jährige? Mmmmmh, dann müssen sie aber als Selbständige enorm viele Abgaben zahlen, lohnt sich das?“

„Sie suchen eine Platz für U3? Hahahahaaa!“ (Hieß: Keine da!)

„Wie, ihr habt NIE geheiratet“ (UPS, das hatte ich oben vergessen zu erwähnen, oder?)

„Du bleibst mit Kind nicht zu hause? Warum nicht? Seid ihr arm?“

„Du bist nun Selbständig. WOW, wie Du das alles meisterst. Respekt. ICH würde das ja nicht machen“ (was immer das heißt)

Dabei bin ich mir sicher, dass mit der richtigen Unterstützung ich heute weniger verzweifelt wäre, als ich es bin! Ich würde mir keine Angst um Geld machen, weil ich wüsste, jemand stellt mich mit meinen Qualifikationen sicher ein. Ich würde mir keinen Kopf darum machen, ob mein Kind zu viel oder zu wenig Zeit mit mir verbringt, weil ich nicht 45 Stunden arbeiten müsste. Ich hätte vielleicht einiges anders gemacht, wenn ich gewusst hätte, wie schwer das alles ist und wie oft man angefeindet wird, für das, was man tut. 

Mein Wunsch ist es also

Unterstützt die Mütter!

Ob Politik oder Gesellschaft: Gebt auf eure Mütter acht, denn sie leisten oft Unvorstellbares und erhalten nie Unterstützung. Nein, diese Herdprämie, die nur die Mütter am arbeiten hindern sollte (und den Kitas Entlastung bringen sollte) sehe ich nicht als Unterstützung.

1. Gebt ihnen gute Arbeitsplätze und schafft die oft ungerecht-hohen Abgaben ab
2. Gebt ihnen Sicherheit und die Nötigen Informationen an die Hand: Keine Mutter weiß vorher, was da mit ihr passiert. Keine Mutter weiß, welche Behördengänge sie machen muss, welche Probleme in welchem Fall auftreten können. 
3. Hört auf euch gegenseitig zu beschimpfen! Kein Lebensmodell ist perfekt, auch wenn ihr das meint!

Damit sich Mütter besser fühlen: Erzählen Sie Ihre Geschichte, damit andere wissen, worauf sie sich einlassen, wenn ein Kind plötzlich die Welt auf den Kopf stellt 🙂

 

Einen weiteren tollen Artikel zu diesem Thema (als Antwort auf die Eingangsfrage), finden Sie übrigens auch bei Tanja 🙂

4 Kommentare




  1. //

    Hallo liebe Petra,

    ich habe deinen Beitrag soeben in meine Liste mitaufgenommen (stimmt, in den vielen Tweets ist der Link tatsächlich untergegangen).
    Es ist wirklich beeindruckend, dass du dich trotz deiner vielen negativen Erfahrungen nicht dazu hinreißen lassen hast, gegen die Hausfrauen zu wettern. Wenn ich deinen Lebensweg der vergangenen Jahre so lese, wird mir erst bewusst, wie bequem das Modell „Mann arbeitet, Frau bleibt zu Hause“ doch ist.
    LG Anne


  2. //

    Toll geschrieben! Und richtig erkannt! Ich fühle mich oft ähnlich – zwar nicht selbständig und auch nicht alleinerziehend, aber doppelt belastet, weil ZWEI Jobs (zusammen 40-50 Stunden). Denn die Tagesmutter wäre mit „nur“ einem 30-Stunden-Job, wie damals geplant, einfach nicht zu bezahlen (auch wir haben in unserem Ort keinen ADÄQUATEN U3-Platz bekommen!), ohne ab dem Beginn der Betreuung und somit meinen Wiedereinstieg ins Berufsleben auf alles, was eben schön ist und eben auch einfach mal zum Leben dazugehören muss (mal essen gehen, mal spontan ’nen Kaffee trinken, weil man gerade in der Stadt ist, ein paar Tage Urlaub, und oh ja, auch mal ein Paar neue Schuhe…) verzichten zu müssen. Und das, obwohl mein Mann natürlich auch arbeitet. In Vollzeit.
    Ich bin eine verhältnismäßig junge Mama und ich bin froh, dass das so ist, denn so ist vermutlich die Belastungsgrenze ein bisschen höher und dennoch fühle ich mich oft gejagt und gehetzt. Davon, alles schaffen zu müssen; von meinen eigenen Ansprüchen; von den Ansprüchen der Gesellschaft an eine Mutter; von den Ansprüchen meiner Arbeitgeber; davon, eben zwingend Geld verdienen zu müssen und auch davon, immerzu ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich viel lieber mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen würde… und zwar effektive Zeit, denn die Zeit, die uns jetzt unter der Woche bleibt, wird oftmals (nicht immer!) eben nicht effektiv mit Spielen und Toben genutzt, sondern plätschert so dahin, weil wir beide müde sind – ich von der Arbeit, mein Sohn von dem langen Tag bei seiner Tagesmutter… Schade…

    Liebe Grüße
    Judy

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