Gestörtes Vertrauen ins Kind

Normalerweise gehe ich mit einem Artikel nicht so wirklich schwanger. Ich bin mehr so der impulsive Typ! Wenn etwas raus muss, dann muss das. Außer dieses Mal. Meine Gedanken in Worte zu fassen, ist wirklich nicht sehr einfach.

Ich versuche es dennoch: Es geht mir heute um das Vertrauen, welches wir in unsere Kinder haben. Und um mein Vertrauen in meinen Lausbub und was das wohl über mich selbst aussagt. Ich finde nämlich, mein Vertrauen ist gestört und dafür gibt es Gründe. 

Und doch denke ich, dass ich nicht allein bin, dass viele Mütter kein Vertrauen in ihre Kinder haben und sich dies manigfaltik jeden Tag beobachten lässt. Und ich meine jetzt nicht die uns allen bekannten Spielplatz Situationen, wo Mama hysterisch am Sandkasten steht, wenn das nicht mehr ganz so frische „aber gestern war es noch mein Baby“ auf einem 5 cm hohen Balken balanciert. Ihr wisst, was ich nicht meine? Gut! Das Vertrauen was ich meine, ist mehr ein gestörtes Ur-Vertrauen und es kostet mich wirklich Kraft, mich diesen Gedanken zu stellen. Darum lest bis Ende, ja? 🙂

Wenn ich so nachdenke, entdecke ich zwei Seiten an mir. Die eine Seite ist die Coolness-Seite, die bei manchen Harakiri-Aktionen ihres Sprösslings auch dann Ruhe bewahrt, wenn andere schon einen Nervenzusammenbruch haben. Lausbub macht das schon! Ich bin die, die total gut loslassen kann, wenn der Lausbub die Welt entdeckt, weil ich der Meinung bin, Freiheit tut gut. Diese Seite in mir hat bisher ganz locker allen erzählt, wie total wichtig es doch ist, dem Kind total gut zu vertrauen und damit total gut die Beziehung zu stärken. 

Die blöde Kuh hat mir aber verschwiegen, dass es noch eine Zwilingsschwester gibt. Eine Skepsis-Seite nämlich, die den Lausbuben unberechenbar findet. Sie befand schon sehr früh, es sei ein Segen, dass der Lausbub ENDLICH sprechen würde, denn diese Trotzanfälle aus heiterem Himmel und deren Grund man wohl nie erfahren würde, setzten ihr doch sehr zu. Diese Seite betrachtete den Lausbuben stets mit Abstand und einer leisen Stimme „na, was macht er jetzt wieder?“. Miss Skepsis, die mit Mr. Kontrollfimmel verheiratet ist, fand die Tatsache, dass Kinder eigene Wesen sind, die eben alles entdecken wollen und sich partout nicht an Regeln halten, wirklich gefährlich! So gefährlich, dass sie begann dem Lausbuben zu misstrauen. Lachte dieser, hieß es direkt „ach, das dauert eh nicht lange, warum sollte ich mich mitfreuen?“. Es ging sogar so weit, dass plötzlich die Frage im Raum stand, ob der Lausbub seine Mama tatsächlich liebt, oder doch unfassbar blöd findet und später eine Therapie braucht, um seine Kindheit zu verarbeiten. 

Um diese Frage absolut zu überspielen und vor allem um keine Antwort abzuwarten, ging die Coolness (ihr erinnert euch? Meine andere Seite…) zum Angriff über und lies den Lausbub ziehen, wann immer sie es verantworten konnte (Straßen etc. weit genug entfernt). Oftmals verstand sie gar nicht, worum sich manche Mamas so sorgten… Das war ganz praktisch, denn die Kita-Eingewöhnung beispielsweise verlief dabei ungewöhlich problemlos.

Wo liegt also das Problem? Na ja, es liegt darin, dass der Lausbub natürlich beide Seiten spiegelt! Und je älter er wird, desto klarer wird mir, dass ich viele irrwitzige, unangenehme Situationen zwischen uns einfach selbst hervorgerufen habe. Ich versuche es zu erklären: Auch der Sohn besitzt eine Coolness-Seite: Besuche beim Papa sind ein Klaks, denn er weiß, Mama wird da sein (O-Ton). Und auch sonst genießt er seine Freiheiten in Indoorspielplätzen, Festen und in anderen Möglichkeiten. Er weiß ja, wo er mich findet. 

Doch wehe, ich schimpfe, bin abweisend oder handle überraschend. Dann dreht er durch. Lange habe ich für die Erkenntnis gebraucht, dass er oft vor Kummer durch dreht! Es ist kein Trotzanfall, es ist ein „sei gefälligst verlässlich“ Anfall. Das bin ich aber in extremen Situationen nicht, denn da fehlt Vertrauen. Ich vertraue nicht darauf, dass wir uns in 5 Minuten wieder vertragen. Mein Gehirn kappt da irgendwie eine Verbindung. Sondern ich werde wütend oder traurig. Dabei müsste mein Ur-Instinkt doch irgendwas von „Band zwischen Mutter und Kind geht nie kaputt“ abspulen, oder? Bei mir wird das nicht übermittelt… Und selbstverständlich wird auch das vom Kind gespiegelt und so dreht sich der ewige Kreislauf…

Woher kommt das aber? Ich denke, ich vertraue mir selbst nicht! Ich glaube nicht an meine Fähigkeiten als Mutter. Ich glaube daran, dass ich eh alles verkehrt mache und folglich auch der Lausbub „nie etwas richtig macht“ (was natürlich Oberquatsch ist. Das weiß ich. Ich übertreibe hier bewusst). Oft sehe ich meinen Sohn als Obdachlosen, als Wrack in einer fernen Zukunft, weil ich es ihm verbaut habe. Eine Freundin von mir (sorry liebes, ich muss das erwähnen) erwähnt sehr oft, dass wir doch den Weg ebnen müssen und wir doch Verantwortung haben…

Aber warum vertrauen wir denn dann nicht? Und warum sehe ich so viele andere, denen es auch so geht? Ich habe ja über Wochenbett-Depressionen eine Interview-Reihe geführt und dort viele Sätze wie „ich konnte das nicht“ gelesen. Vertrauen Mütter ihren Kindern generell so wenig? Ist das ein Ergebnis der allgemeinen Entwicklung? Ich erinnere nicht nur an die Sandkastenmuttis, sondern auch an die vielen Berichte über nicht-schlafende Kinder, über abgebrochene Kitaeingewöhnungen, an das nicht-losslassen können, an die unzähligen Fragen im Internet, die über alles Mögliche gestellt werden. Dass wir immer unsicherer werden, das ist sicherlich allgemein bekannt und kann man an der steigenden Anzahl Buchratgebern wohl festmachen.

Im Gegenzug zu dieser Entwicklung gibt es Gott sei Dank auch viele, die ihren Kindern ja gerade deshalb eine Entscheidungsgewallt zu gestehen „ich vertraue darauf, dass mein Kind mir sagt, wann es dieses und jenes kann“ und die „meinem Bauchgefühl vertrauen“. Alles richtig (BITTE LEST BIS ZUM ENDE; ES GIBT EINE ERGÄNZUNG) Und doch habe ich das Gefühl, dass das in 80% der Fälle nur Taktik der Coolness-Seite entspricht, die ja Coolness an einer Stelle übertreibt, um die „dunkle Seite“ zu überspielen. Ich glaube, vielen ergeht es wie mir. Nämlich so, dass die Skepsis eine unterbewusst agierende Verräterin ist.  

Wie komme ich zu all diesen Gedanken über Vertrauen und zu den Schlüssen über meine Familie (ja ich bezeichne uns zwei als Familie. Bewusst)? Weil ich zum einen weiß, dass ich selbst kein Selbstwertgefühl (nicht zu verwechseln mit Selbstvertrauen) habe und weil ich zweitens sehe, dass mein Sohn es im Grunde auch nicht hat (es aber ebenso gut überspielen kann, wie ich). Und zum anderen gelingt es mir ab und an, das Muster zu durchbrechen und mir spring dann der Unterschied förmlich ins Auge. Wie bei einer Veranstaltung zu der ich den Lausbub mitnahm.
Einen Mega-Trotzanfall wollte ich dort nicht. Ich erzählte ihm vorher also nicht nur Details sondern weit mehr: Dass wir das als Team meistern müssten, dass weder ich noch er wen kennen würden und das wir doch uns haben. Und dann ließ ich ihn wieder so frei, wie ich es sonst auch tue.

Es hat prima geklappt!

 

Puh. Das war irgendwie… wirr. Ich hoffe, ihr konntet all dem folgen? 😀

 

Bis hier hin geht mein Text, den ich zunächst verfasste. Dann ploppte ich auf Twitter in eine Diskussion, die für meine Gefühle hier mit zu tun hat: gibt es high-Need Kids wirklich oder steuern wir als Mama (unter)bewusst wie pflegeleicht unsere Kinder sind.

Auf den ersten Blick mag mein Beitrag damit wenig zu tun haben, doch ich mag erwähnen, dass ich genau darauf hinaus wollte: in vielen mir bekannten Fällen (80% schätze ich) sind die high-need / schwierigen Kinder unbewusst durch die Eltern in diese Richtung gedrängt worden. Ich spreche extra von gedrängt worden, denn ich denke schon, dass wir alle eine Art Veranlagung haben, aber wir Eltern verstärken das jeweilige doch sehr extrem (anders gesagt, positive Talente bringen wir ja auch mit. Sie zu trainieren obliegt aber ja mir selbst bzw. eventuell schon meinen Eltern, wenn es früh anfängt :D). Bei einer guten Freundin beispielsweise weiß ich zufällig, dass sie es sogar mit dem Verstärken ihres Kindes genauso selbst wahrnimmt, aber es nicht realisiert, wo die Ursache für ihr high-need Kind im Detail liegt. Da das Kind in den Brunnen gefallen ist, gilt es jetzt aber, die Situation annehmbar zu gestalten. Da sie vieles ändert außer sich selbst, sieht sie hier auch ihren Teil begraben.

Darum: Ich persönlich sehe meine Freundin da schon, wie die meisten Mütter, als „Verstärker“ obwohl sie sich aufopfert. Für meinen Geschmack vertraut sie sich selbst auch nicht genug. Ihr eh schon unruhiges Kind (der Teil, den es mitgebracht hat) hat dies genauso aufgegriffen. Wäre er anders, wenn sie anders wäre? Bestimmt! Wäre er weniger „anstrengend“? Vielleicht! Wissen können wir es doch aber zu 100% nie.
Solche Beispiele von Eltern-Kind Beziehungen habe ich dennoch noch zu hauf. Daher plädiere ich dafür: Wenn ihr schon high-need Kids habt, dann achtet auf euch! Achtet darauf, ob ihr euch selbst und dem Kind (noch) vertraut, oder ob die Kräfte schon nachlassen und wenn es tatsächlich irgendwo nicht passt, dann muss die Veränderung manchmal eben zuerst bei einem selbst beginnen 🙂

Dennoch, jetzt mal an die Twitterer gerichtet, gibt es da kein richtig oder falsch! Die Wahrheit liegt in der Mitte, weil auch unsere Kinder eine eigene Veranlagung mitbringen! Beispiel: mir selbst wird eine depressive erbliche Veranlagung nachgesagt. Da wundere ich mich also bei meinem Kind nicht, aber ich verstärke…  Vielleicht könnt ihr meinen Text so als Alternative sehen 🙂
Abgesehen davon unterstelle ich euch allen (auch meinen Freunden und gerade denen), nur das Beste zu wollen! 🙂

So und nun der Link zur Blogprade, die es dazu tatsächlich gibt. Ich schwöre, ich wusste davon nix bis Ebene. Zufälle gibt’s…

1 Kommentar


  1. //

    Danke für deinen Artikel. Ich habe mich das auch schon oft gefragt: Wieviel von dem Verhalten meiner Kinder beeinflusse ich (ob bewusst oder unbewusst) und wieviel kommt von ihnen selbst?

    Ich glaube bei mir spielen oft unverarbeitete Gefühle aus der Vergangenheit mit. Und bis vor kurzem war mir auch nicht bewusst wie sehr ich mich für das Verhalten meiner Kinder verantwortlich fühle.

    Mir hat mal jemand gesagt: „Kinder sind oft zu mehr fähig als wir ihnen zutrauen, bzw. zu mehr fähig als wir es selbst sind.“

    Im Alltagstrubel hatte ich das wieder ganz vergessen. Vielen Dank für die Erinnerung!

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