Herr Giesinger, ich bin kein Promo-Pferdchen!

Sehr geehrter Herr Giesinger,

ich muss gestehen, Sie sind mein erste Adressat eines offenen Briefes und ich weiß noch nicht so Recht, wie ich beginnen will. Aber hey, es ist immer das erste Mal!

Herr Giesinger, Sie kennen mich nicht. Ich bin eine (Achtung, wichtiges Detail) alleinerziehende Mutter eines 5jährigen Sohnes; und Bloggerin. Das hat erstmal nichts mit Ihnen zu tun, oder? Ich glaube schon, jedenfalls habe ich am Ende meines Briefes eine bzw. mehrere Fragen an Sie! Ich will Sie weder beleidigen, noch beschimpfen, noch belehren (das ist schon mal gut, oder), sondern einfach mal Aufräumen mit dem Mythos: Blogger seien kostenlose Promo-Pferdchen. Dafür müssten Sie bitte den gesamten Brief lesen 🙂

Da ich Sie auch nicht persönlich kenne, kurz etwas zu Ihrer Geschichte (was ich so über das Internet erfahren habe) welche Sie natürlich kennen, aber meine Leser vielleicht nicht. Sie sind Musiker. Und, wie ich finde und auf Wikipedia (Quellen und Links siehe unten) nachlesen konnte, für Ihre 28 Jahre auch schon recht erfahren. Wer mal als Straßenmusiker angefangen hat, der ist wohl hart im Nehmen? Aber das mag einer von mir gezogener Schluss sein und gehört hier auch eigentlich nicht her. Jedenfalls traten Sie 2011 wohl in der Casting Show „The Voice of Germany“ auf. Seit dem schwirren Sie durch die Musikbranche, wie mir scheint. Ihr aktueller Song „Wenn sie tanzt“ (2016) ist nachweislich sehr erfolgreich auf YouTube. Doch dazu später mehr!

Was mich beim lesen Ihres Wiki-Eintrages aufhorchen lies: Sie kündigten ihr Label, weil dieses nicht mit oder nach Ihren Vorstellungen agierten. Sympatisch, dachte ich. So scheint es doch, als würden Sie darauf achten, was so um Sie herum so passiert. 

Warum ich das alles über Max Giesinger recherchierte?

Das ist einfach erklärt: Offensichtlich haben Sie eine Online und Print PR Agentur beauftragt, sich um Ihr Image und die Promotion Ihrer Single zu kümmern. Aus diesem Grund wurde ich von der besagten PR Agentur als Bloggerin angeschrieben und angefragt mit Ihnen ein Interview zu führen.

Blogger und Unternehmen - eine Koop mit Hindernissen. (Bildquelle: pixabay.com)
Blogger und Unternehmen – eine Koop mit Hindernissen. (Bildquelle: pixabay.com)

Warum gerade ich? Nun, bei dieser Erklärung kann man sich geschmeichelt fühlen. Oder auch nicht. Ich bin nämlich alleinerziehend und passe – nach Aussage der Mail Ihrer PR Agentur – hervorragend in die Promotion Ihres Songs „wenn sie tanzt“ („Wir sind auf deinen Blog aufmerksam geworden und wir haben hier vielleicht genau das passende Thema für dich“ – Zitat aus der Mail, auch wenn der Satz auch zugegebener Maßen aus allen anderen Anfragen stammen könnte). Dieses Lied handelt von einer Alleinerziehenden Mutter, die sich opfert und ihre Erholung im Tanz findet. Das Lied mag ich gar nicht beurteilen oder genauer erläutern. Das darf jeder selbst beurteilen, aber das Thema wird ja schnell klar.

Entwürdigende Anfragen von PR Agenturen an Blogger

Ok, ich fand die Anfrage legitim (und fühlte mich zunächst sogar geehrt, so erfolgreich ist mein Blog nicht). Was ich nicht legitim finde und was mich so wütend und zur Weißglut kochen lässt, ist die Antwort, die ich bekam, als ich nach einer eventuellen Vergütung fragte. Hier gebe ich das Mail-Zitat sinngemäß wieder (ich weise aber darauf hin, das der Inhalt realistisch wiedergegeben wird), weil ich erstens nicht verklagt werden will, weil ich Inhalte 1zu1 wiedergebe und weil zweitens diese Antworten eigentlich immer von Agenturen kommen, also repräsentativ für viele Antworten steht:

Leider haben wir hierfür kein Budget. Das Interview würde ohne Vergütung stattfinden. 
Ich kann natürlich verstehen, wenn wir nicht daher nicht zusammenarbeiten, jeder von uns muss ja seine Brötchen verdienen. Interviews mit Vergütung vergibt normalerweise der Marketing Bereich nicht die Promotionsagentur.

Herrschaftszeiten. Ernsthaft?
Wir haben das Thema „Alleinerziehende Mütter“ und sprechen Mütter an, die das bestimmt Emotional gut verkörpern können, aber wir bezahlen dafür nichts? Fairerweise sei gesagt, solche Anfragen habe ich (und andere noch viel öfter) einmal die Woche im Briefkasten. Eigentlich also „Alltag“.

ABER diesmal trifft es mich aus zwei Gründen

1. Blogger verdienen Geld mit solchen Artikeln

Soll ich Ihnen (und allen anderen Firmen, die gern umsonst Werbung haben wollen) vorrechnen, was ein Interview für uns als Blogger für einen Aufwand bedeutet? 

  • Recherche über den Künstler
  • Absprachen mit der Agentur
  • Fragen passend zum Thema überlegen
  • Abstimmen mit anderen Bloggern, die ebenfalls diese Anfrage vermutlich erhalten, damit sich nichts doppelt (JAAAA – Blogger reden miteinander!)
  • Den Text verfassen
  • Fotos dazu integrieren, erfragen, kaufen
  • Promotion des Textes auf den Social Media Kanäle

Muss ich all das in Zahlen umrechnen? Geschätzt ist das ein Tag Arbeit – den Tagessatz können Sie gern beliebig festsetzen, aber NIEMALS ist er gleich NULL! Einen Tag, an dem ich KEIN Geld für meine Familie verdienen kann, weil ich für Sie kostenlos arbeiten soll. 

Weil kein Budget da ist? Weil es die falsche Abteilung ist, die mich fragt?

Ich ahne die Antwort der Agentur (und habe solche schon von so vielen anderen zu hören bekommen, daher sind die Antworten nicht von Ihnen, aber nicht unrealistisch): „Aber Sie erhalten doch auch Klicks. Der Name des Künstlers wird Ihnen Zugriffe bringen. Sie lernen einen „Star“ kennen.“ oder auch „Ihre Zugriffe rechtfertigen keine Bezahlung. Wir zahlen nur an „große Blogs“.
Äh, Entschuldigung, ich promote hier Sie, nicht umgekehrt. Denn meine Klickrate wird nach dem Interview wieder sinken. Ihre Klickzahlen auf Youtube weiter steigen. 
Das ist nichts wert? Nichtmal … Karten oder ein Autogramm oder ähnliches? Oder wäre mir das erst bei gefälliger getaner Arbeit angeboten worden? Keine Ahnung, ich habe aber im Vorfeld extra nach Konditionen gefragt…

Natürlich mache ich schon mal Produkt-Beiträge für Dinge, die ich nicht bezahlt oder eben nur rabattiert bekomme: Weil ich dahinter stehe, oder weil es die Sache „wert ist“. Aber dann ist es ein Geben und Nehmen. Dann liegt es vielleicht an der netten Kommunikation – und man bekommt zumindest gegenseitige Promotion angeboten. Aber niemals würde ich stumpfsinnige Massen-Anfragen zustimmen. Ich kenne auch große „Blogger“, die ab und an mal einen werblichen Artikel bewusst veröffentlichen, weil sie etwas bzw. jemanden unterstützen möchten. Aber hier kommt mein zweites Argument:

2. Emotional wird so diesem sensible Thema nicht gewürdigt

Herr Giesinger, an dieser Stelle – im Anschluss an das liebe Geld – rekapituliere ich noch mal, dass wir hier über das soziale Thema „Alleinerziehend“ reden, über das Sie sinnvollerweise so bewundernd singen. Gleichermaßen wird mir aber jede kleinste Vergütung für Arbeit abgesprochen? Mir wird körperlich bei diesem ad abrudum geführten Thema schlecht! Würdigt man so Fans, Blogger oder auch nur annähernd Menschen, die gut über einen sprechen? Die Idee Ihres Liedes fand ich so gut – jetzt hat es einen Beigeschmack… 

Ich frage Sie daher, wussten Sie auch hiervon? Oder gehen PR Agenturen ihre eigenen Wege? 
Wie viel Kontrolle haben Sie wohl über die Promotion-Arbeit Ihrer Dienstleister? Ihr Label haben Sie gekündigt, das kam mir sympathisch vor, aber dieses Vorgehen? Das ist einfach nur unschöne PR Arbeit einer Agentur, die Ihnen – ja was eigentlich – viele Klicks oder Links verspricht???

Ist das der Weg, den wir einschlagen wollen, wenn Firmen und Blogger gemeinsam etwas pushen wollen?
In meinen Augen nicht!

Ihre Petra Hamacher – Bloggerin, Mutter, Musikliebhaberin.

 

Öffentliche Erklärung: Ich greife mit meinem Artikel die Agentur nicht persönlich an. Aber ich habe eben diese Fragen. Und ich möchte wirklich, wirklich, wirklich mit diesem Denken aufräumen, dass Blogger umsonst (nicht mal für eine kleine Geste) arbeiten. Es ist ARBEIT! Bitte überdenken sie alle noch mal den Umgang zwischen Bloggern und Unternehmen. Nur weil wir schreiben, ist das hier nicht nur ein Hobby, sondern Teil der Lebensgrundlage – gerade für Alleinerziehende! Wenn ein Umdenken statt findet, wäre ich schon zu frieden.

 

Links:
Wikipedia Eintrag Max Giesinger

Hier ein weiterer Text einer gestandenen Bloggerin über die Vergütung von Blogbeiträgen (stellvertretend für die vielen anderen Beiträge vieler Blogger)

Und nur noch mal am Rande, darf man Mails zitieren oder nicht, lest hier.

4 Kommentare


  1. //

    Sehr gut geschrieben! Ich finde diese Anfragen auch immer furchtbar. Aber so dreist hat noch keiner gefragt. Ich bin gespannt, ob da eine Reaktion kommt, oder ob das einfach ignoriert wird.
    Ganz liebe Grüße, Christine


  2. //

    Hallo Petra,

    vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin gespannt, ob es eine Reaktion gibt und wie die ausfällt. Wäre schön, wenn du davon berichtest 🙂

    Liebe Grüße
    Peter


  3. //

    Danke, Danke und noch einmal Danke. LG, Sabine

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