Logopädie – Fluch oder Segen

Ich muss gestehen, ich tue mich mit der Überschrift noch etwas schwer. Sollte es „Fluch UND Segen“ heißen und wenn ja mit ! oder ? 

Und genau das sagt schon viel über die Problematik „Logopädie“ aus, wie ich finde. Gründe für diesen Beitrag sind eigentlich drei Dinge: Zum einen betrifft uns bzw. vielmehr den Lausbub die Logopädie momentan; zum zweiten möchte ich Eltern, die über Therapien nachdenken, eine 4 Ratschläge geben und zum dritten gab es auf der #denkst (siehe hier) einen Vortrag von Dr. med. Michael Hauch. Solche Vorträge sind wichtig, aber sie können auch verunsichern und das möchte ich hier kurz darstellen. 

Die Sache mit der Aussprache - Logopädie für Kinder
Die Sache mit der Aussprache – Logopädie für Kinder (Bild pixabay)

Auslöser meines Beitrages ist ein Vortrag mit Inhalt „Logopädie überflüssig?“

„Sein Buch „Kindheit keine Krankheit“ schoss in den Bestsellerlisten aus gutem Grunde nach oben. Dr. med. Michael Hauch, Kinder- und Jugendarzt mit langjähriger Praxiserfahrung, schlägt Alarm: Fragwürdige Diagnosen stellen für unsere Kinder eine akute Gefahr […] Aus langjähriger Praxis-Erfahrung weiß er: Therapien und Medikamente sind in den meisten Fällen überflüssig, sie können sogar nachhaltig schaden.“

So wurde Dr. med. Hauch unter anderem auf der Webseite der Konferenz angekündigt. Leider war er wohl ein wenig überfordert mit der Masse an Elternbloggern, die sich bestens mit solchen Themen auskennen (die Diskussion hätte viel weitreichender sein können), das ist aber ein anderes Thema. Was mich nachhaltig berührte, war der Vortragsteil über Logopädie (über ADHS und wie voreilig die Diagnose gestellt wird, da will ich gar nicht drauf eingehen). Sinngemäß ist Dr. med. Hauch der Meinung, Logopädie sei überflüssig. SO habe ich es verstanden. Seine Argumente, die ich hier auch nur sinngemäß und sicherlich unvollständig wiedergebe, da ich das Buch NICHT besitze:

  • „Kinder lernen schon zu ihrer eigenen Zeit richtig zu sprechen“,
  • „der Therapie-Erfolg ist nur kurzweilig“,
  • „Therapien verunsichern Kinder“ und
  • „es gibt keinen Nachweis über den Erfolg“.

Das habe ich mir notiert und ist mir im Gedächtnis geblieben. 

Warum beschäftigt mich die Logopädie und wie kamen wir dazu?

Weil mein Sohn seit einigen Wochen Logopädie bekommt, hörte ich bei diesem Vortragsteil besonders gut zu. Denn die Entscheidung der Logopädie habe ich nicht leichtfertig getroffen und möchte anderen Eltern, die gerade über Logo nachdenken (müssen), meine Entscheidung darlegen. Dieses Thema ist nicht unwichtig!

Vorgeschichte

Aufgefallen ist das Sprachdefizit die Sprache meines Sohnes schon vor längerer Zeit. Als wir eine kleine Marte Meo Therapie (hier nachlesen) machten, sagte damals die Therapeutin, dass der Lausbub sehr schwach in seinen Gesichtsmuskeln ist und er in der Sprache irgendwie Schwachstellen aufweisen könnte. 

Als nächstes muss ich erwähnen, dass der Lausbub es regelrecht hasst, wenn man ihn nicht versteht. Das war als Baby so (schreien schreien schreien, bis ich verstanden habe) und ist heute nicht anders. Er legt Wert darauf, dass man versteht, was er will und meint. Reden wir mal, was selten vorkommt (wir sind da eine Einheit), von zwei verschiedenen Dingen, ist der Lausbub schnell auf 180.

Ihr könnt euch vorstellen, was passiert, wenn Kindergarten Kinder ihn nicht verstehen?

Das erste Jahr war schlimm! Er schubste, haute und schrie, wenn Kinder ihn nicht verstanden oder sich gar lustig machten. Ich kann es total nachvollziehen. Das meiste wuchs sich aber raus und es wurde besser.
Nur das „ch“ und das „sch“ in Kombination mit „s“ nicht. All das übrigens, zu dem man die Körperspannung im Kiefer und Co. braucht (hatte die Marte Meo Begleitung ja vorausgesehen). Letztes Jahr im Herbst dann prügelte der Lausbub regelrecht, weil die Kinder etwas lustiges aus seinen Worten verstanden hatten. Sie wurden nämlich besser in der Aussprache als er und wurden dadurch ehrlicher zu ihm. Sie haben gelacht… Zeitgleich bestand er diesen ominösen Sprachtest bei der U-Untersuchung nicht (4 Geburtstag). Wir sollten diesen dann im Frühjahr wiederholen. 

Aktuelle Situation und wie gehen wir damit um

Der Lausbub hätte diesen zweiten Test bestanden, aber, und jetzt kommt das Erstaunliche, er bestand selbständig darauf, dass ihm jemand mit seiner Aussprache hilft! Das sagte er auch dem Arzt, der eigentlich seeeehr widerstrebend den Therapien in jeder Form gegenübersteht. So bekamen wir eine Verordnung. Da der Arzt das eigentlich nicht wollte, war Logopädie übrigens der Kompromiss gegenüber der Ergotherapie.

Therapie nicht als Schulbank sehen!
Therapie nicht als Schulbank sehen! (Bild pixabay)

Unsere Kita ist toll (sagte ich, oder?) und so kommt eine Logopädin ein Mal die Woche ins Haus. Mein Gedanke war: Lieber jetzt in der Kita und dann im dortigen Haus als später in der Schulzeit und dann irgendwie Nachmittags noch unterkriegen. Also nahmen wir die Verordnung an und der Lausbub ging fortan einmal die Woche in eine kleine Therapiestunde. Anfangs war er sehr begeistert. Da machte er schnell Fortschritte. Jetzt ist es etwas mühsam und man merkt, dass es ihn nun auch nervt. Aber ja, ich sehe das sportlich und denke, dass ist ziemlich normal. Wer will schon „ch“-Laute üben, wenn er doch spielen kann?

Alles, was wir zu hause auch tun können, binde ich übrigens spielerisch mit ein. Ich tue dabei ganz oft so, als wäre ich für die Aufgaben „zu dumm“ und muss sie mir wieder und wieder erklären lassen. Dadurch haben wir schon mehr geübt, als der Lausbub es mitbekommt. Die Grimassen, die er schneiden muss, ziehen wir beide; oft sogar als Wettbewerb 🙂

Überlegungen zur Logopädie und Tipps für Eltern

Das passierte eigentlich alles vor dem Vortrag.
Und ja, ich hatte die Argumente vorher auch gehört. Denn auch mein Kinderarzt ist der Meinung, dass Therapien so lange Unsinn sind, bis sich akute Notsituationen ergeben. Er fand, der Lausbub wächst und gedeiht, das reicht. Man solle ihn nicht durch solche Maßnahmen das Gefühl geben, nicht auszureichen.
So ähnlich hat es auch Herr Hauch formuliert und ich war plötzlich in der Situation das alles auf Grund des Gehörten noch mal zu überdenken. 

Mittlerweile glaube ich aber, dass es für uns die richtige Entscheidung war, so eine spielerische Logopädie zu beginnen. Warum?

  • Der Lausbub spricht wirklich deutlich besser. Seine Tante war überrascht und meinte „ich muss gar nicht mehr überlegen, was er gerade gesagt hat“. Ob dies nur kurzfristig ist, weiß ich nicht. Nachweislich helfen, tut es in jedem Fall! Vielleicht hätte er es ohne Hilfe hinbekommen, für seine Seele war der akute Leidensdruck aber vor Therapiebeginn zu hoch.
  • So bescheuert es auch klinkt, aber ich finde, wir trainieren gerade auch das Frustpotential des Lausbubens. Er ist der Kandidat „kann ich das nicht, mach ich es nicht“. Nächstes Jahr will er in die Schule. Ich bin sooo dankbar, dass er gerade sehr leicht, spielerisch und ohne Druck mitbekommt, dass manche Dinge wie Hausaufgaben eben sein müssen.
  • Ich habe mich bewusst für eine Therapie innerhalb der Kita entschieden und hätte das ganze auch nicht gemacht, wenn ich es anders hätte wahrnehmen müssen. Der Lausbub besucht keine „klinische“ Praxis, muss nicht in Wartezimmern sitzen und hat keinen komischen Termin. „Die Frau kommt, spielt und geht wieder, Mama“ – so einfach ist das nämlich. Abgesehen davon weiß der Lausbub sehr genau, welche anderen Kinder auch zu der Frau gehen und das beruhigt ihn ungemein! Manchmal machen sie sogar alle zusammen etwas. 
  • Das Hauen und Schubsen ist besser geworden! Im Entwicklungsgespräch signalisierte mir die Erzieherin, dass er nun im Morgenkreis erzählt, erzählt und erzählt. Er singt Lieder mit und auch sonst breitet er seinen Sprachschatz nicht mehr nur vor mir aus.

All das sehe ich als sehr positiv an, ABER (es gibt immer ein aber) ich möchte alle Eltern dennoch bitten, nehmt die Argumente der Ärzte und meine 4 Ratschläge ernst:

Wartet ab, ob sich die Sprache nicht von selbst bessert! 
Wir haben 6 Monate ca. gewartet, bis wir uns überhaupt dazu entschlossen haben, so etwas in Betracht zu ziehen. Und auch dann haben wir den Lausbub die Entscheidung überlassen. Er weiß selbst, wie groß sein Leidensdruck gerade ist. 

Schaut auf die Reaktion des Kinder!
Wenn ich zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl hätte, der Lausbub würde sich „anders“ fühlen oder sich selbst in Frage stellen, dann würde ich da sofort handeln. Es gibt aber Kinder, für die ist so etwas wirklich ein Trauma! Ein Leiden mit einem Leiden zu bekämpfen, halte ich für sinnfrei.

Sucht eine für euch passende Form!
Vielleicht kann auch bei euch in die Kita eine Therapie stattfinden, so dass es für alle Beteiligten nur Vorteile geben kann?

Seht das ganze als Spiel an!
Das macht es für alle leichter. Verbissene frühkindliche Förderung ist hier wirklich fehl am Platz! Ständiges Verbessern und Korrigieren führt übrigens zu nichts. Manchmal hat der Kinderarzt schon Tipps, wie man etwas verbessern kann. Wir beispielsweise haben eine Zeit lang nur aus Strohhalmen getrunken usw. 

So, dass war meine Stellungnahme und meine Tipps zum Umgang mit der Logopädie. Ich bin gespannt, was ihr so erzählt 🙂

3 Kommentare



  1. //

    Liebe Petra,

    wie versprochen schreibe ich dir ein bisschen von unseren „Logo“- Erfahrungen.

    Wo fange ich an ?! Am besten fast ganz am Anfang. Der Sohnemann….als kleiner Bruder mit einer sehr viel sprechenden ( zwei Jahre älteren) Schwester.
    Er sprach mit zwei zwar wenige Worte, aber nicht dass, was sonst bei der U- Untersuchung „gefordert“ wird. Zum Glück fordert unser Kinderarzt nichts nach Literatur. Jedes Kind ist anders, jedes Kind lernt anders. Alles war noch im Rahmen.
    Von anderen Müttern hörte ich, dass die Kinderärzte direkt Druck machen, jene und welche Therapie empfehlen. Wir ließen uns nicht beirren, denn wir vertrauen unserem Arzt.
    Er gab dem Sohnemann noch drei Monate, dann sollten wir zur Kontrolle kommen. Ostern rückte heran….der Sohnemann entwickelte „seine Sprache“. Er fing an mit Geräuschen und eigenen Lauten/ Worten mit uns zu kommunizieren. So nach und nach wussten wir alle was er meint (am besten seine große Schwester) und er verfeinerte seine Sprache mehr und mehr.
    Der Kinderarzt blieb sehr locker, meinte mit Kindergartenstart im Sommer wird das schon werden.
    Im Kindergarten lernte der Sohnemann dann nicht sprechen, sondern alle anderen lernten seine Sprache. Konnten nach kurzer Zeit verstehen, dass wenn er „Hähää“ sagt, er etwas trinken mag, dass er mit „alla“, „ja“ meint. 🙂
    So im Nachhinein war das schon recht amüsant…in der Situation selber kam es mir schon etwas komisch vor und natürlich sorgt man sich ein bisschen, warum er denn nicht „richtig“ spricht.

    Im Spätsommer gingen wir dann auf Anraten des Arztes den weiteren Weg. Das Gehör sollte untersucht werden. Wir waren uns sicher, dass er super hört, denn er ist eher sehr geräuschempfindlich, aber so der weitere Weg, ehe der Arzt eine Therapie verschreiben wollte/ konnte.
    In der Uniklinik haben wir dann den jungen Mann untersuchen lassen. Gehör- völlig in Ordnung.
    Dann im Gespräch mit der Arztin muste ich doch oft den Kopf schütteln, wie schnell man denn auch abgestempelt wird. Klar singen/ reden wir mit dem Kind. Gut, sie kennt uns nicht, kann es nicht wissen. Wie lange er denn den Schnuller schon nimmt…welchen Schnuller, nie genommen. Wie lange aus der Flasche getrunken…noch nie, voll gestillt, dann Trinklernbecher. So langsam gingen der Ärztin die Ideen aus und am Ende kam die Diagnose…Mundmuskulatur zu schwach.

    Mittlerweile war der Sohnemann drei Jahre. Wir bekamen Logopädie verschrieben, gingen in eine Praxis und hatten eine so wundervolle Therapeutin. Der Sohnemann ist sehr sehr schüchtern und ängstlich. Die beiden hatten aber recht schnell ein tolles Verhältnis und fühlten sich wohl miteinander. Ein mal die Woche gingen wir zum spielen und sprechen zur Logo. Der Sohnemann ging sehr gerne hin. Machte tolle Fortschritte. Die Therapeutin erklärte uns, dass es ein großer Vorteil ist, dass er ein Verständnis für Sprache hat und auch alles versteht. Das ist wohl nicht immer so.

    Mit Pause und einem Wechsel der Therapeutin (die Erste war wegezogen) waren wir nun ca. 3 Jahre in Therapie. Der Sohnemann hat sprechen gelernt. Kann (wenn er sich drauf konzentriert) auch weitesgehend alle Buchstaben sprechen und formen….er spricht noch nicht ganz „klar“, aber da er es kann und nur manchmal noch mal drauf aufmerksmam gemacht werden muss, sind wir sicher, dass er das mit der Zeit schon noch hinbekommen wird.
    Im Sommer jetzt kommt der junge Mann in die Schule. Man hört noch, dass er „anders“ spricht, aber momentan wird es keine weitere Therapie geben. Erst mal sehen, wie alles anläuft, wenn er nun die Buchstaben auch schreiben und lesen lernt.

    Für uns war die Logo eine gute Sache. Wir waren in einer tollen Praxis und hatten tolle Therapeutinnen. Der Kinderarzt hat keinen Druck gemacht.
    ich denke, dass viele vielleicht vorzeitig in Therapien „gesteckt“ werden, bei uns war es gut und auch nötig.
    Mal sehen wie es weiter geht…..letztens hat der Sohnemann gesagt, er wird mal Radiomoderator. Wer weiß. 🙂

    Ganz liebe Grüße
    Kerstin


  2. //

    Wir waren mit dem Sohn auch bei der Logopädie, in einer Praxis. Er ist sehr gerne hingegangen, weil die Logopädin wirklich eine herzliche, tolle Frau war, die sich eine Stunde ganz ihm gewidmet hat und vieles im Spiel mit ihm gelernt hat. Wenn Bedarf beim Kind gegeben ist und man die/den richtige/n Logopädin/en findet, ist es eine tolle Form der Unterstützung.

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