Patchwork Familie, klappt das?

Patchwork Familie
So kann Patchwork-Familie auch aussehen! Ich finde das super!

Wie ihr wisst, bin ich immer gespannt auf einen Blick über den Tellerrand. Ich weiß gern, wie es bei anderen so ist. Oftmals hilft es mir, meine Situation einordnen zu können. Und da ist es auch mal Thema, wie es wäre, wenn da ein neuer Mann käme. Oder wie es wäre, wenn die „neue“ meines Ex etwas offener wäre. Wie könnte das aussehen? Heute schreibt mir die liebe Katharina von Emmi und ich und bekannt als @geradeso, wie ihr Patchwork-Leben aussieht (Fun-Fakt: „Patchwork“ taucht hier das erste Mal auf 😉 )! Viel Spaß bei ihrem Bericht und lasst euch Mut zusprechen, dass es auch gut ausgehen kann, so eine Trennung:

Meine Familie – ein bunter Flickenteppich 

Wo ich herkomme:

Meine Mutter ist das Kind eines polnisch-jüdischen Holocaustüberlebenden, der mindestens fünf mal verheiratet war und einer Deutschen, die als uneheliches Kind bei ihren Großeltern aufwuchs.  Mütterlicherseits habe ich eine Tante und zwei Onkel von denen ich weiß. Mein Vater ist das Kind einer Deutschen, die fünf Kinder von zwei Männern hatte und letztendlich alleinerziehend war und eines Mannes über den ich nichts weiß.

Leider ist ihre Geschichte so verwirrend, dass ich sie nicht genau erinnere. Aufwachsen bei Tanten spielt ebenfalls eine Rolle (Notiz an mich: mein Vater muss es aufschreiben). Väterlicherseits habe ich also eine Tante und vier Onkel von denen ich weiß.

Meine Mutter hat außer mir noch zwei weitere Töchter, jede von uns hat ihren eigenen Vater. Meine Mutter lebt mit ihrem Lebensgefährten und dessen jüngerer Tochter zusammen. Weihnachten feiern wir bei ihnen mit den leiblichen Halbgeschwistern der jüngsten – zwei davon mit der gleichen Mutter, dann noch die ältere Tochter des Lebensgefährten meiner Mutter.

Meine eigene Patchworkfamilie

Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern zusammen. Der Vater meines Sohnes lebt 15km entfernt mit seiner Frau und deren beiden gemeinsamen Töchtern.

Zu unserer direkten Patchworkfamilie gehören also unser Sohn und in jeder Sohn-Elternteil-Familie zwei Mädchen des aktuellen Paares. Witzigerweise heißen beide Väter meiner Kinder Thomas.

1. Die Trennung

Mein Sohn wurde geboren, als ich 23 Jahre alt. Wir lebten zu dieser Zeit in Gießen, ich studierte, mein damaliger Partner arbeitete und besuchte die Abendschule. Wir kannten uns seit unserem 12. Lebensjahr. Waren zusammen und getrennt und zusammen und getrennt und dann wieder zusammen. Für uns war immer klar, dass wir jung Eltern werden wollen. 

Als das Kind anderthalb war, zogen wir mit Freunden in ein Haus und lebten fortan in einer WG. Ich studierte, arbeitete im Kino und mein Partner arbeitete und ging zur Schule. Freitags war das Kind bei den Schwiegereltern, damit wir auch mal Zeit für uns hatten. Als wir merkten, dass wir uns nichts mehr zu sagen hatten, trennten wir uns. Es tat weh. Ich war so sauer. Verletzt. Erleichtert.

Wir blieben zusammen wohnen, teilten das WG-Haus neu auf. Als ich mitbekam, dass er mit seiner Arbeitskollegin liiert war, war klar, dass wir nicht zusammen wohnen konnten.

Die beiden zogen zusammen. Ich flippte aus. Wollte das Kind nicht bei den beiden lassen. Es folgte ein unschöner Austausch an Gemeinheiten.

Um alles irgendwie zu verarbeiten und trotz aller Wut im Sinne des Kind zu handeln, begann ich mit einer Trennungsberatung. Mein Ex wollte dabei nicht mitmachen. Ich musste das akzeptieren. Ich ging alleine hin und ließ mich coachen. Es war sehr anstrengend, weil ich meine Wut und Verletzung in den Griff bekommen musste.

2. Getrennt gemeinsam erziehen

Für meinen Ex und mich war klar, dass keiner von uns damit klar kommen würde, auf unser Kind zu verzichten und wir unserem Sohn das auch nicht zumuten wollten. Also mussten wir uns zusammenraufen. Wir trafen gemeinsame Absprachen über Geld –  da ich noch studierte, zahlte der Ex den Waldkindergarten aber keinen Unterhalt. Ich konnte das Kindergeld behalten. Wir trafen Absprachen über Wochenenden, Sportkurse und Impfungen. Immer knirschte es. Ich spürte, wie seine Freundin durch unseren zunehmend freundschaftlichen Umgang verunsichert war. Deutlich zeigte ich immer stärker, dass es mir nur um das Wohl meines Kindes ging und nicht darum meinen Ex wiederzugewinnen. Sie sagte mal zu mir „Warum stellst du dich eigentlich so an? Andere machen doch auch nicht so ein Drama.“ Das tat weh. Ich ließ mich nicht entmutigen.

Dann erwarteten die beiden ihr erstes gemeinsames Kind. Der Vater meines Sohnes hatte Angst davor, dass die Geburt so schwierig wie bei unserem Sohn würde und suchte das Gespräch mit mir. Wir näherten uns an. Als das Baby geboren war, durften der Sohn und ich es als erstes aus der Familie im Krankenhaus besuchen. Als das Mädchen ein paar Wochen alt war, kamen die erlösenden Worte von der neuen Frau „Ich verstehe jetzt, warum du so ein Drama gemacht hast. Entschuldige.“

Seitdem ist es nur besser mit uns geworden. Ich würde fast sagen, dass wir Freunde sind. Wir feiern Geburtstags zusammen. Wir Frauen machen uns schöne Geschenke zu den Geburtstagen unserer Kinder. Wir unterstützen uns, wenn es nötig ist.

Mein Sohn wird im Frühling 12 Jahre alt. Er pendelt selbstbestimmt zwischen seinen beiden Familien. Manchmal ist er sauer, dass er in solch einer komplizierten Familie aufwächst. Dass er ständig entscheiden muss, ob er nun bei mir oder seinem Vater sein soll. Dass er daran denken muss, seine Schulsachen immer auf dem richtigen Schreibtisch liegen zu haben.  Aber er hat auch erkannt, dass seine Eltern Freunde sind und dass das für ihn besser ist, als Eltern, die zusammen sind und sich nicht mehr mögen.

Wir treffen alle wesentlichen Entscheidungen gemeinsam: welche Schule, ob A-oder B-Kurs, Smartphone ja oder nein. Wir haben uns entschieden, nicht über Geld zu streiten. Es gibt keine Unterhaltszahlungen, ich darf immer noch das Kindergeld bekommen. Wir teilen uns die Kosten für Klamotten und Klassenfahrten,  Vereine und Aktivitäten. Wir sind uns nicht immer einig, diskutieren und sind auch manchmal sauer aufeinander. Wie normale Eltern.

3. Die Neuen

Als ich meinen Mann kennenlernte, sagte ich ihm am gleichen Abend, dass ich ein Kind habe. Nachdem klar war, dass wir zusammen sein wollten, lernten die beiden sich kennen. Es entwickelte sich ihre ganz eigene Beziehung, mein Mann, damals noch mein Freund war bereit, Zeit mit meinem Kind zu verbringen und sie spielten Playmobil, entwickelten ein Fantasie-Spiel, wenn sie im Dunklen mit dem Hund spazieren gingen und rauften. Als wir heirateten trug mein Sohn als Teil der Zeremonie ein Liebesgedicht vor.

Für meinen Sohn war zu jeder Zeit klar, dass mein Mann, ihm weder mich wegnehmen noch sich unangemessen in sein Leben einmischen wollte. Vielmehr ist er eben ein weiterer Ansprechpartner, Siedler-von-Catan-Gegner und Hausaufgabenunterstützer.

Auch mit der Frau seines Vaters hat er ein sehr gutes Verhältnis. Auch sie übernimmt Verantwortung, wo es angebracht ist und hält sich im Hintergrund, wo es Sinn macht. Sein Vater und ich sind die festen Bezugspersonen, mit denen er seine Probleme bespricht und an denen er sich reibt.  Ich bin die Strenge, der Papa eher nicht so. Wie normale Eltern.

4. Unser Erfolgsrezept

Wir haben es geschafft, unsere gegenseitigen Verletzungen hinter uns zu lassen und gemeinsam das Wohl unseres Kindes so gut wir es schaffen in den Mittelpunkt zu stellen. Irgendwie hat es geklappt, dass wir uns nicht um Geld gestritten haben oder streiten. Wir haben immer offen darüber gesprochen, wer was leisten kann und es so akzeptiert, ohne gegenseitige Vorwürfe.

Um unserem Sohn stets den Wechsel zwischen den Haushalten zu ermöglichen, wohnen wir nur 15km auseinander. Unser Sohn besucht mittlerweile eine Schule, die genau zwischen unseren Wohnorten liegt. Keiner von uns war bereit, auf den Alltag mit dem Kind zu verzichten. Wir schauen, wer was zeitmäßig leisten kann, vor allem seitdem es in beiden Haushalten noch mehr Kinder gibt und dass nicht einer nur der Wochenend-Ferien-Elternteil ist. Krisen und Probleme gehen wir gemeinsam an, sind offen miteinander und halten uns so gut es geht über das Leben des Kindes in der jeweiligen Familie auf dem Laufenden. Keiner versucht sich über Geschenke zu profilieren. Unsere Herkunftsfamilien haben uns immer unterstützt. Die Oma meines Sohnes väterlicherseits ist immer noch meine Schwiegermutter und meine Mädchen nennen sie Oma. Alles in allem würde ich sagen: ganz normale Eltern.

Meine Eltern haben bis heute ein angespanntes Verhältnis und ich erinnere mich an viele unschöne Streitereien um Geld. Ich war zwar oft bei meinem Vater, aber immer am Wochenende. Er kannte meine Freundinnen nicht, war nie auf einem Elternsprechtag oder hat sich um mich gekümmert, wenn ich krank war. Dieser Unterschied zwischen meinen Eltern ist bis heute geblieben. Mein Sohn erlebt Eltern, die sich gemeinsam für ihn verantwortlich fühlen, auch wenn wir kein Paar mehr sind. Ich bin sehr froh darüber, keine Liebesbeziehung mehr mit dem Vater meines Sohnes zur führen, denn wir waren zusammen nicht glücklich. Über die Beziehung, die wir nun im Sinne unseres Kindes haben bin ich ebenfalls froh. Froh darüber, nicht die Verantwortung für das Kind und all die Entscheidungen alleine tragen zu müssen.

 

Danke Katharina! Danke für Deine ehrlichen Worte, Deinen mutmachenden Bericht und für deine Mühe in diesem Text (und Deine Geduld)!

 

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