Von meinem Unvermögen

Ich las gestern morgen nach dem Aufwachen einen Artikel über wütende 3Jährige (gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/10/agressive-kinder-im-alter-von-3-bis-6-jahren): Warum sind sie so, warum sind sie aggressiv und wie ist es, wenn sie erwachsen werden? Werden sie dann einfach wütende Schläger? Achtung, der Post wird doch lang (und persönlich). 

Ich danke Gott, Budda oder wer auch sonst gerade dafür verantwortlich ist, dass der Lausbub und ich momentan so friedlich sind. Darum interessierte mich der Text auch jetzt nicht so 100% in Bezug auf die Aggressivität meines Kindes oder in Bezug auf die Frage, ob es immer aggressiv bleibt. 

Was mich aber interessierte war die Erklärung, die dahinter stand, warum 3Jährige plötzlich aggressiv werden. Da stand etwas von unterschiedlichen Erziehungsmethoden: Die eine Methode, Bedarfsorientiert bis zum letzten, nimmt das Kind UND seine Phasen so an, wie es ist, ohne wenn und aber. Die andere Methode erfüllt eben nicht die Bedürfnisse des Kindes und lässt die Kinder so im Grunde verkümmern. Auch hier konnte ich noch folgen und befand das Geschriebene zumindest für interessant. Wobei ich hier an einigen Stellen auch noch etwas ergänzen oder widersprechen wollen würde, aber das führt zu weit.

Worüber ich aber den ganzen Tag nachdachte und was mich wirklich nicht in Ruhe ließ, das war folgender Absatz:

„Nicht ganz wissenschaftlich präzise kann man sagen, dass das, was man einst kurz nach der Geburt war und was die primären Bindungspersonen jedoch mit unbewusst kalten Reaktionen unterbunden haben, zu dem wird, was man als Erwachsener dann mit Vehemenz in anderen Menschen bekämpft. Dann wird das laute, fröhliche und ungestüme Mädchen, das von allen Seiten hörte, Kinder solle man zwar sehen, aber nicht hören können, zu der verbitterten alten Frau, die es nicht aushalten kann, wenn die Kinder in ihrem Haus auf dem Hof vor Freude kreischen oder sich laut und lebendig miteinander streiten. Diese Lebensfreude der Kinder berührt auf unangenehme Weise das, was sie hätte sein können, aber nicht durfte und das sie aus Liebe zu ihren Eltern tief in sich vergraben hat.

Urplötzlich hat diese Textpassage etwas in mir ausgelöst. Ich sah Situationen in meiner Kindheit sehr deutlich vor mir. Hörte Worte. Nahm Gefühle war. Und das, obwohl ich eigentlich so gut wie keine Erinnerungen an meine Kindheit im Konkreten habe. Ich erinnere mich immer nur an Erzähltes oder eben an Gefühle oder Fakten. Und ich möchte betonen, dass meine Kindheit bestimmt nicht schlimm war. Aber ich schrieb ja schon mal hier und da, dass die Beziehung zwischen mir und dem Lausbuben nicht immer einfach war. Wie oft habe ich mir den Kopf zerbrochen, warum das so ist. Warum ich, die Kinder wirklich mag, mit Ihnen lacht, quatsch macht und stundenlang beim spielen beobachten kann, warum werde ich bei meinem Kind am ungeduldigsten? Also ich meine wirklich ungeduldig? Und warum wird daraus so oft ein Streit? Und natürlich kommt dann auch die Frage auf, ob der Lausbub dann auch so wird wie ich – und wenn ja, will ich das?

Zumindest die Frage nach dem „Warum streiten wir“ habe ich klären können. Ich streite so oft mit dem Lausbuben, weil er ein sehr eigenständiger, sehr dickköpfiger und sehr launischer Lausbub ist. Er verträgt es überhaupt nicht, wenn ich ihn bevormunde, ihn überrenne, ihn gängele oder ermahne, wenn mir etwas nicht schnell genug geht. Dabei wäre er der Traum jeder Elter: Alles möchte er allein machen!

Der oben genannte Text, den ich las,  schildert auch eine Situation zwischen Autorin und Tochter. Die Tochter möchte im Herbst noch Sommer-Kleidung anziehen. Die Mama möchte dies „natürlich“ nicht. Sie streiten oft und viel. Irgendwann beschließt die Mama, dass die Tochter selbst raus finden muss, dass es kalt ist. Hat aber weiterhin diese fordernde innere Haltung. Ihr Mädchen bockt. Erst als die Mama einlenkt und die Sommerkleidung akzeptiert, gibt das Mädchen nach. 

Unsere Kinder spiegeln uns. Jede Faser, jeder unterbewusste Gedanke, jede Emotion spiegeln sie mit ihrer Reaktion wieder. und das bringt mich nun zu meinen Fragen zurück, warum der Lausbub und ich streiten.

Ich denke mir, dass ich sehr oft diese Ungeduld als Kind schon spürte (oder eben zu spüren bekam), ich vieles allein machen sollte, allein gemacht habe. Als Kind. Immer war etwas bei uns zu tun. Viel Zeit für ein kleines Mädchen war nicht immer so da, wie das Mädchen es gebraucht hätte. Vielleicht hätte es nicht so selbständig sein wollen? Und das meine ich nicht als Vorwurf! Wirklich nicht! Auch ich habe als Kind Dinge anders wahrgenommen als es der Realität entsprach.

Dieses Gefühl aber, diese Ungeduld, ich projiziere sie auf den Lausbuben. Unterdrücke seine Selbständigkeit. Wenn mir etwas zu lange dauert, bin ich gut darin, die Augen zu rollen, wenn Sie wissen, was ich meine?!  

Gott sei dank ist der Lausbub sehr ausdauernd. So hat er nicht, wie der Text einige Kinder beschreibt, sein Wesen nach innen gekehrt und sich mit der Situation arrangiert und gehorcht mir jetzt, nur damit ich ihm die kalte Schulter Ungeduld nicht mehr zeige. Sondern er ist immer wieder dabei, diese Selbständigkeit, meine Geduld, zu fordern. Ich habe es akzeptiert! Ok, nicht ganz, das gebe ich zu. Es gibt Momente, da bin ich immer noch unter Druck und möchte gern schnell schnell machen, aber ich bin viel offener geworden für das, was der Lausbub mir dann signalisiert! Ich sehe nicht nur in anderen Situationen, was er mir sagen möchte, sondern habe mich gezügelt und erkenne nun auch hier, wann ich ein „Ok, das ist jetzt so“ mantramäßig sagen muss, bis ich es verinnerlicht habe.  Toi toi toi – bisher klappt es ganz gut.

Warum schreibe ich denn nun darüber? Es ist ein schweres Thema, diese Erziehungssache und oft genug bin ich darüber verzweifelt. Und ich bin schon der Meinung, dass dieses Methode „Bedürfnisse stillen“ eine super Entwicklung in unserem sozialen Verhalten darstellt. Man bedenke nur, dass Hitler-Mütter die Kinder lieber brüllen ließen und nur alle 4 Stunden fütterten. Was müssen die für Schreie ausgehalten haben… Trotzdem bin ich mir auch sicher, nur die Bedürfnisse stillen, ohne Grenzen meiner Bedürfnisse aufzeigen, das geht auch für mich zu weit! Aber diese vielen Ratgeber und dieses viele „Du musst es so und so machen“ verunsichert uns Mütter, lässt uns an uns selbst zweifeln!

Aber ich will Müttern Mut machen! Es ist ok, sowohl die Kinds-Bedürfnisse ernst und wahr zu nehmen als auch seine eigenen. Man ist nicht schlecht nur weil man eben ungeduldig ist. Solange man versucht, sich zu entwickeln und zu große Probleme (meine zu große Ungeduld) zu lösen! Und nicht jedes Kind wird ein wütender Tyrann, weil seine Mutter einen Teil von sich nicht akzeptiert (meine Ungeduld). Wer weiß, was er in 30 Jahren dazu schreiben wird? Vielleicht empfindet er mich auch als geduldiges Schaf?

 

5 Kommentare



  1. //

    Hallo Tanja,
    ja ich weiß, was Du meinst! Ich bin eigentlich jemand, der schnell schreibt und Dinge schnell festhält.
    Aber dieser Beitrag war wirklich … schwer.
    Es freut mich so, dass ich Dir damit Gedanken geben konnte! Dafür schreibt man dann ja doch <3
    Gute Besserung nochmal an die Zwerge!
    Petra


  2. //

    Liebe Petra,
    Sehr schön geschrieben. Auch Dein Beitrag spricht mich grad sehr an.
    Mehr kann ich grad selbst gar nicht dazu schreiben. Dafür fehlen mir grad selbst die Worte, weil vielleicht doch zu persönlich oder einfach zu anstrengend grad. Da helfen solche Beiträge einfach. Danke.
    Ach ja : es ist so schön zu lesen, dass Ihr Euch grad so gut versteht!!!!
    À bientôt
    Tanja


  3. //

    Liebe Saranya,

    danke für Deine Antwort!
    Schön zu lesen, dass noch andere ungeduldig sind 🙂

    Man wächst dann doch mit seinen Aufgaben 😀


  4. //

    Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen bedeutet ja nicht, diese auf jeden Fall zu erfüllen. Gut, es kommt darauf an, um was es sich handelt. Manchmal hilft auch bei Kinder einfach das wahrnehmen, aussprechen und dass das Bedürfnis gerade nicht gestillt werden kann.

    Lange dachte ich – durch unsere Erziehung und aus einem kindlichen Verständnis heraus – ich dürfe keine Bedürfnisse haben. Das war dann noch unmöglich und mit viel Leid verbunden.

    Was die Ungeduld angeht, so sage ich dann gern: „Ich bin ungeduldig. Mag diesen Zug an mir nicht. Doch das ändert nichts an meiner Ungeduld. Ich darf ungeduldig sein. Ich muss es nicht mögen.“

    Spannenderweise hiflt mir das mehr als alles Andere was ich schon probiert habe.

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