Wackelzahnpubertät – wie sich die Wut anfühlt

In den letzten Wochen ja gar Monaten las ich es wieder vermehrt. Hier auf Twitter da mal bei meinen Bekannten: „Mein Kind ist so wütend, dabei ist das noch nicht mal die Pubertät“… „ich erkenne mein Kind nicht, wie soll es erst in der Pubertät werden“… Ich gebe es zu, solche Sätze habe auch ich formuliert und an meine Freundin geschickt. Zugegeben etwas… nun ja weniger feinfühlig formuliert, aber sicherlich genau so verzweifelt wie viele Eltern. Was uns so verzweifeln lässt? Das Kind ist gar nicht mehr in der Trotzphase, es soll doch schließlich bald in die Schule gehen, wie soll das gehen mit so viel Wut und Trotz und wie soll es erst in der Pubertät werden?
Da dämmerte mir etwas: Das hier IST eine Pubertät, die Wackelzahnpubertät (Vorschulpubertät) genannt.

Das Thema geht mir gerade so nahe, dass ich den Post jetzt noch veröffentliche – völlig egal, ob ich schon etwas schrieb heute oder nicht. Gerade ist der Sohn nicht da, ich konnte nachdenken… hier mein Ergebnis 🙂

Wie jetzt? Wackelzahnpubertät?

Ja, im ernst, so heißt diese Phase. Sie beginnt in der Vorschulzeit und kommt bei den meisten Kindern zwischen 5 Jahren und 6 Jahren vor, eben kurz vor der Einschulung. Viele, sehr viele Eltern erkennen ihre zukünftigen Schulkinder nicht mehr wieder, oder? Sie glauben, die Trotzphase sei zurück oder nie überwunden worden. Sie verzweifeln schier an ihrem Kind. Ich muss euch sicher keine Situationen schildern, wie sie hier gerade gang und gäbe sind. Eltern mit Vorschulkindern wissen, wie diese Zeit der Wackelzähne verläuft: Stürmisch. 

Wackelzahnpubertät - die Zeit vor der Einschulung
Wackelzahnpubertät – die Kinder vor der Einschulung: mal fröhlich, mal wütend

„Die Zähne wackeln und die Seele mit“

So ähnlich, glaube ich, lautet ein Buch zu diesem Thema und es stimmt voll und ganz: Als die ersten Zähne hier wackelten, begann es – und ich muss gestehen, ich habe es mal wieder erst zu spät bemerkt, WAS genau hier gewackelt hat. Es waren nicht nur die Wackelzähne, sondern mein ganzes Kind schien sich plötzlich gegen mich zu stellen. Es war so auflehnend und so verneinend, dass es völlig egal schien, was ich sagte, wann ich etwas sagte und wie ich etwas sagte. Zack! WUTAUSBRUCH! So laut und zornig wie es nur geht.

Jetzt, so einige Wochen später, mit klarerer Sicht auf die Dinge, wird mir so einiges klar: Denn kurz vor der Grundschulzeit, kurz vor der Einschulung, da ist der Moment, wenn unsere Kinder eines begreifen: Die Welt, der Alltag, so wie ich ihn kenne, so wird es ihn bald nicht mehr geben! Stellt euch vor, an alles, was ihr euch erinnern könnt, jede Routine, die sich eingeschlichen hat, all das soll plötzlich ein Ende nehmen.

Wie kann denn da keine Seele wackeln?

Wackelzahnpubertät - die Zähne wacklen und die Familie tut es auch
Wackelzahnpubertät – die Zähne wacklen und die Familie tut es auch

Angst und Vorfreunde auf die Grundschulzeit

Hier ist es sogar so, dass selbst die Erzieher auf den Tag hinfiebern, wenn „die Großen“ endlich das Feld räumen. Sie sind „schulreif“ und brauchen mehr Platz und mehr Anspruch. So bekommen sie stetig gesagt, wie lange es noch dauert, bis der angebliche große Tag des Abschieds aus der Kita kommt. Alle scheinen sich darauf zu freuen und alle fragen ständig „Naaaaa? Freust Du Dich schon?“ Immerhin sieht man es ihren Zahnlücken ja an, dass es bald so sein muss. Sie können dieser Frage praktisch nicht entrinnen. 

Die ehrliche Kinder-Antwort wäre vermutlich zu 50% nein! Wer freut sich über Abschiede?

Und doch mischt sich zwischen die Ängste auch noch Vorfreude hinzu. Die ist ja auch ansteckend und so fiebern sie die anderen 50% tatsächlich auf die Einschulung hin. Sie lernen ja gerade eine Menge über die Welt. Ihnen werden Zusammenhänge klar, die vorher gar nicht in Frage gestellt wurden. DAS ist eine so tolle Zeit der Entdeckung, wo die Welt plötzlich riesig wird… ups, schon hat man wieder Angst, obwohl man sie nicht will.

Wackelzahnpubertät heißt nicht um sonst so

Dann kommt da noch etwas: Die Hormone! Ja sicher, der größte Schub kommt ab … welches Alter ist es jetzt? Neun? Jedenfalls jetzt kommen die ersten Hormone. Da wird plötzlich das Geschlechtsteil interessant. Kürzlich an der Bushaltestelle mussten wir beispielsweise einiges zu diesem Thema erörtern. 🙂 Für Erwachsene mag das peinlich sein, für die Kinder ist es aber etwas, was sie verstehen lernen müssen, wollen, sollten. Denn immerhin tut sich da gerade etwas – gerade bei Jungs sogar sichtbar – und sie wissen 1. nicht was und 2. nicht warum und 3. kennen gerade wir Mütter das Phänomen „Hormone“ doch nur zu gut!

Stellt euch vor, ihr würdet neben der ganzen Thematik von Angst und Vorfreude auch noch das erste Mal eure Periode bekommen. Mega, oder? Diesen Cocktail will doch keiner und unsere Kinder müssen das in der Wackelzahnpubertät eben voll und ganz ausbaden.

Wackelzahnpubertät - mal groß und dann doch wieder klein
Wackelzahnpubertät – mal groß und dann doch wieder klein

Wie sich die Wut der Eltern anfühlt

Oh meine lieben Mamas und Papas, ich weiß, was ihr denkt: „Ja, alles schön und gut, aber ich ERTRAGE das nicht mehr“. Keine Sorge. Ich auch nur bedingt. Denn was hier gerade passiert ist die erste große, bewusste Abnabelung des Kindes von seinen Eltern. Die Kita-Zeit ist behütet und einsehbar. Die Schulzeit ist es nicht!
Warum wohl stöhnen viele Lehrer in der Grundschule darüber, dass die Eltern sich mehr raushalten sollten?

Weil es Neuland für uns ist! Ja liebe Eltern, auch wir haben eine Art Wackelzahnpubertät. Unser kleines Bündel bekommt nämlich jetzt erste Flügel, geht allein zur Schule, lernt sehr viel bewusster Dinge ohne uns und ist uns in manchen Dingen vielleicht sogar überlegen? Oder meine Damen und Herren, wer von Ihnen kann noch perfekt Schreibschrift?

Macht euch dessen bewusst! Unsere Gefühle und Hormone leiden auch! Und sie dürfen das sogar! Erlaubt euch, dass auch euch diese Zeit schwer erscheint und das Loslassen und Vertrauen haben gar nicht so einfach ist. Vielleicht habt ihr auch eine Wackelzahnpubertät? Dann lasst auch euren Gefühlen freien lauf und sagt, wie schei*e anstrengend diese Zeit gerade ist. Das steht euch genauso zu, wie den Kindern!

Wackelzahn – die Wut richtet sich nicht an uns, sie muss aber sein

Ich bin die aller erste, die die Wut ihres Kindes persönlich nimmt und so oft darauf einsteigt, dass sie schon eine blaue Stirn hat, weil sie sich danach immer davor haut. Die Wut, sie begründet auf das, was ich oben schrieb und sie richtet sich nicht auf uns persönlich oder auf die Familie (das kommt erst später).

Wogegen sie sich aber richtet ist die Schnurr, die die Kinder an uns bindet. Das macht sie sauer. Nicht wir. Manchmal macht es sie eben sauer, dass sie uns noch so sehr brauchen und 2 Sekunden später sind sie böse, dass sie sich so allein fühlen mit der Verantwortung jetzt bald in die Schule zu gehen. Das bedeutet auch: Da hilft kein Patentrezept, nur Ruhe, tief Atmen und Pausen!

Mir ist auch ganz wichtig: DIE WUT DARF SEIN! Gefühle sind nichts schlimmes. Sie sind ein Teil von uns und ohne Wut gäbe es kein Glück und andersrum. Sagt ihnen nicht, dass die Wut schlecht ist. Sie nervt, ja. Aber sie ist wie ein Gewitter: Danach kann man besser atmen. Ich musste erst im Alter lernen, dass Wut erlaubt ist und es tut heute noch weh. Dabei gehört dieses Gefühl dazu und ist erlaubt. Gegenseitiges Verständnis und Vertrauen, dass es danach wieder „ok ist“, das wünsche ich euch <3

Uns hat die Reise nach Rom übrigens sehr gut getan. Hier ging es nur um uns beide. Darum, dass wir Kompromisse finden mussten und das mein Sohn mir vertraut, dass ich uns wieder nach Hause bringe. So etwas stärkt die Beziehung und kann ich so oder in ähnlicher Form nur empfehlen.

Wackelzahnpubertät - Eltern brauchen Auszeiten
Wackelzahnpubertät – Eltern brauchen gerade jetzt Auszeiten

Tipps für die Wachelzahnpubertät

Wie erwähnt, beherzige ich meine Tipps aktuell selbst kaum, habe aber dennoch einige für euch:

  1. Nehmt die Wut der Kinder nicht persönlich
  2. Versucht herauszufinden, ob es gerade die Nähe oder die Autonomie ist, die ihnen zu schaffen macht
  3. Gebt ihnen dann genau das: Freiheiten oder nehmt ihnen diese gerade wieder für eine Zeit ab
  4. Vermeidet Sätze wie „aber du gehst bald zur Schule, da kannst du nicht so ausflippen“
  5. Fragt nicht, „freust Du Dich schon?“. Lieber etwas wie „na, was denkst du wie der erste Schultag sein wird?“
  6. Nehmt euch Auszeiten und bewusst Zeit für einander
  7. Bittet euren Partner, eure Freunde darum, euch an diese Umstände zu erinnern. Schreibt euch zur Not nen Zettel

Stellt euch darauf ein, dass diese Wackelzahnzeit noch etwas andauert. Kaum in der Grundschule werden die Kinder sich nämlich neu behaupten müssen. Sie fangen in der Hierarchie wieder ganz unten an, wo sie doch nun ein Jahr bewusst ganz oben waren. Den Platz, wo sie die nächsten Monate bis zu den Weihnachtsferien stehen, müssen sie erst finden…

Die Wackelzahnpubertät wird nicht aufhören mit der Einschulung, aber es wird wieder mal eine neue Phase werden. 🙂 Ihr wisst doch: Alles wird gut, sonst ist es noch nicht das Ende <3

 

Hier gibt es noch einen weiteren tollen Artikel auf Familieleben über diese unterschätzte Vor-Pubertät.

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