„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ Interview mit Christine von Villaschaukelpferd

Wochenbett - BabyBlues und Depression
4tes Interview aus meiner Reihe. Heute mit Christine von VillaSchaukelpferd.

Heute schon geht Teil 4 meiner Interviews auf die Reise! Christine erzählt in ihrem wunderbaren Blog „Villa Schaukelpferd“, wie es so ist, wenn man einen Job. (später dann) zwei Kinder und im Wochenbett eine Depression hat. 

Ein sehr mutiges Interview! Und Achtung, das könnte euch sehr treffen!

1.) Erkläre doch kurz, wer du bist!

Mein Name ist Christine, ich bin Baujahr 1984, Heilpraktikerin in Ausbildung und seit 2012 mit meinem wundervollen Mann verheiratet. Im gleichen Jahr wurde unser ältester Sohn geboren, ein Jahr später sein kleiner Bruder.

2.) Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?

Die postpartalen Depressionen traten unmittelbar nach der ersten Geburt auf. Bei meinem zweiten Sohn war soweit alles in Ordnung.

3.) Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben? Also wurde es auch eine Depression?

Es wurde definitiv eine Depression! Gleich nachdem ich meinen Sohn das erste Mal zu Gesicht bekam, spürte ich eine wahnsinnige Distanz, obwohl ich während der Schwangerschaft eine besonders innige Bindung spürte. „Der soll jetzt mir gehören? Mein Gott, ist der hässlich. Und so fremd…“ Das waren meine ersten Gedanken, die auch erstmal nicht mehr gingen, sondern im Gegenteil, immer schlimmer wurden. Mein Kind war ein Fremdkörper für mich, ein Klotz am Bein, ich konnte es wortwörtlich nicht über die Lippen bringen, ihn als „meinen Sohn“ zu bezeichnen. Seit dem Tag der Geburt wünschte ich mein Kind wieder fort und mein altes Leben als kinderlose Ehefrau zurück. Bereits nach kurzer Zeit konnte ich mir eingestehen, dass ich ihn wirklich hasste. Gedanken, ihm (oder mir) das Leben zu nehmen, wurden ein Dauerbegleiter im Alltag.

4.) Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues / Wochenbettdepression?“

Meinem Mann habe ich mich anvertraut, er hat meine Stimmungstiefs, bzw. Wutanfälle und die stundenlangen Heultiraden schließlich hautnah mitbekommen. Oft konnte er nicht oder erst verspätet ins Büro fahren, weil ich morgens schon vor lauter Depressionen nicht aus dem Bett kam und die Verantwortung (Wickeln, Füttern, etc.) für meinen Sohn nicht übernehmen wollte. Später vertraute ich mich noch engsten Familienmitgliedern an, aber nicht so detailliert. Vor allen Anderen gab ich mich als glückliche Mutter, weil ich mich schämte. Immerhin waren alle Außenstehende total verliebt in meinen Sohn – wie konnte es seine eigene Mutter dann nicht sein? Meine Hebamme hat mich leider nicht ernst genommen und mich nur mit den Worten „Das wird schon wieder“ abgespeist. Dass Jemand zu mir gesagt haben könnte „Du hast den Babyblues“, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich ahnte es ja selbst.

5.) Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?

Es war absolut nicht nur ein vorübergehender Babyblues, das war mir schnell klar, als nach zwei Wochen keine Besserung eintrat, sondern die Talfahrt immer nur weiter bergab ging. Eigentlich war es immer schlimm. Wenn mein Sohn schlief, wartete ich nur darauf, dass er irgendwann aufwachte und mir wertvolle Lebenszeit stahl, weil er Hunger hatte oder die Hosen voll oder sonst was. Etwas erträglicher war es, wenn mein Mann da war, um sich um unseren Sohn zu kümmern, weil ich dann etwas Zeit für mich hatte. Das Gefühl der Fremdbestimmtheit, das mich wie Gefängnisgitter umgab, hatte ich jedoch auch in meinen „freien“ Stunden und ist in gewisser, wenn auch deutlich abgeschwächter, Form auch heute noch Bestandteil meines Mutterdaseins. Treffen mit anderen Leuten, wie Geburtstagsfeiern oder Babybesuche empfand ich als Hölle. Alle strahlten und ich durfte mir hundertmal anhören, wie süß mein (für mich damals hässliches) Baby doch sei. Auch, dass alle mein Kind anfassen und auf dem Arm halten wollten, empfand ich als schrecklich. Es war, als ob ich selbst als Person grenzüberschreitend behandelt wurde. Ich glaube aber das Schlimmste war für mich jeden Morgen der Übergangsmoment vom Schlaf in die Wachphase, in der ich aus einem belanglosen Traum aufwachte und plötzlich mit einem Schlag wieder daran erinnert wurde, dass ich ja ein Kind habe, um das ich mich jetzt Zeit meines Lebens (zumindest für die nächsten 18 Jahre) kümmern muss und das nicht einfach wieder verschwinden würde. Dieser Schlag war tatsächlich körperlich oft spürbar, wie ein Hieb in die Magengegend.

6.) Die stärksten Momente hast Du gerade genannt, aber was hast Du dagegen und gegen die Gefühle unternommen?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Auf jeden Fall habe ich mich zurückgezogen und geheult. Wäre ich nicht schon mit meinem zweiten Kind schwanger gewesen, hätte ich in der Anfangszeit vor lauter Frust sicher auch mal ein Gläschen zuviel getrunken…

7.) Wie lange hat der Blues angedauert? Und wann wurde es eine Depression?

Für mich gab es da keinen fließenden Übergang, weil es von Anfang an sehr depressiv war. Ich hasste mein Kind, ich wollte es mit dem Kopfkissen ersticken oder selbst von der Brücke springen, bzw. über Nacht heimlich nach Ohio auswandern. Das ging nicht so schnell vorüber, dass die Gefühle nach zwei Wochen wieder hätten stabiler werden können.

8.) Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?

Von Außenstehenden ziemlich normal, da ich ja Niemandem wirklich erzählte, wie es in mir drin aussah. Mein Mann hat versucht mich zu verstehen und für mich da zu sein, war aber ständig im Konflikt, weil er, im Gegensatz zu mir, seinen Sohn heiß und innig liebte und auch für ihn da sein wollte. Gott sei Dank war er es auch.

9.) Glaubst Du, die Depression ist vollständig verschwunden?

Das glaube ich tatsächlich, aber es hat viele schmerzhafte Monate gedauert. Die Depression ist auch nicht von heute auf Morgen gegangen. Es gab immer wieder ein paar Fortschritte und dann auch wieder etliche Rückschritte. Es gab auf jeden Fall nicht den Tag, an dem ich eines Morgens aufwachte und dachte: „Hey, du hast keine Depressionen mehr!“ Es war ein langer Prozess. Es hat lange gebraucht, bis ich ein „Ich hab dich lieb“ über die Lippen bringen oder ihn als „meinen Sohn“ bezeichnen konnte, geschweige denn, aus freien Stücken alleine den Nachmittag mit ihm verbringen wollte. Ich kann heute fühlen, was für ein toller Junge mein Sohn ist, auch wenn sich die Mutter-Sohn-Beziehung zu meinem zweiten Sohn anders anfühlt. Es „fließt“ einfach besser zwischen meinem Jüngsten und mir. Vielleicht liegt das aber auch an den unterschiedlichen Charakteren und Temperamenten der Kinder. Trotzdem habe ich inzwischen beide Kinder „gleich lieb“ und wüsste (im Gegensatz zu früher) nicht mehr, wen ich aus dem brennenden Haus retten würde, wenn ich mich für Einen entscheiden müsste.

10.) Hat Dich das Gefühlschaos nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?

Ich versuche, beide Kinder gleich aufzuziehen und meinen Ältesten z.B. nicht zu bevorzugen, als Ausgleich zu früher oder in der Richtung. Ich weiß nun, dass man als Mensch mit allen Gefühlen konfrontiert werden kann, ob man es will oder nicht. Und bei mir war das eben nach der ersten Geburt, als mir plötzlich eine riesige Verantwortung auferlegt wurde. Und hätte ich vorher gewusst, was für heftige Depressionen mich bei meinem absoluten Wunschkind erwarten würde, hätte ich sicher „Nein“ zur Schwangerschaft gesagt. Dennoch bin ich sehr froh, dass ich es nicht wissen konnte. Die Depressionen haben mich stärker gemacht, weil ich jetzt im Nachhinein weiß, dass man im Leben auch die ärgsten Albträume überwinden kann. Vorausgesetzt man bringt viel Zeit und Geduld und vor allem eine dicke Portion Selbstliebe mit. Auch, wenn es merkwürdig klingen mag, habe ich in der Aufarbeitung der Gefühle meinem Sohn gegenüber mich selbst erst richtig kennen gelernt. Und etwas Besseres hätte mir schließlich nicht passieren können. Andere Eltern versuche ich in ihrem Verhalten nicht zu be- oder verurteilen, schon gar nicht, wenn ich sie nicht kenne. Aber das hat glaube ich nichts mit der Wochenbettdepression zu tun.

Villa-Schaukelpferd Blog
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11.) Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt?

Unbedingt Hilfe suchen. Notfalls zehn Therapeuten rauf und runter testen, wer wirklich zu einem passt, auch wenn es wahnsinnig anstrengend, peinlich und mit Schamgefühlen behaftet sein kann. Nach mehreren Fehlversuchen habe ich endlich eine einfühlsame und kompetente Psychologin gefunden, der ich mein Herz ausschütten konnte und die mir dabei geholfen hat, mein Leben wieder zu ordnen. Auch kann ich nur empfehlen, sich dem Partner oder engen Freunden/Familienmitgliedern anzuvertrauen (ohne sie zu überfordern. Ein Freund ist in den seltensten Fällen Therapeut und kann einen nicht immer auffangen). Reden statt Schweigen! Im Internet auf Gleichgesinnte treffen (über Blogs oder Foren wie „Schatten und Licht“), um zu wissen, dass man mit seinem Schicksal nicht alleine ist. Aber auch: Rausgehen in die Natur, auf Spaziergängen mit dem Kinderwagen viel Licht tanken! Depressive verkriechen sich eh gerne in der dunklen Wohnung, da fällt einem nur die Decke auf den Kopf und die trüben Gedanken wandern in Endlosschleife!

12.) Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren?

Ich habe ein halbes Jahr nach der Geburt meines zweiten Sohnes meinen Mama Blog „Villa Schaukelpferd“  gegründet.
Regelmäßig veröffentliche ich dort Erfahrungsberichte aus meiner dunklen Zeit mit postpartalen Depressionen, um Betroffenen Mut zu machen und um die psychische Krankheit nicht unter den Teppich zu kehren. Es kann Jede(n) treffen, aber auch Jeder/Jedem kann geholfen werden! Ansonsten ist mein Blog vor allem Ventil für den stressigen Alltag, den zwei Kinder nun mal mit sich bringen und ein Ort der Begegnung zwischen Eltern und solchen, die es werden (oder manchmal nicht mehr sein) wollen. Ich freue mich über jeden, der mich dort einmal besucht!

Ansonsten bin ich auch bei Facebook und Twitter zu finden.


Liebe Christine, ich danke Dir von Herzen für Deinen Blog und Dein Interview. Ich wünschte wirklich, ich hätte Dich schon viel früher gelesen (aber da hätte erst meine Einsicht kommen müssen). Du bist für mich so unglaublich tapfer und der Beweis: Es geht! Es geht bergauf. Danke!

Und für alle: Wenn Ihr Christine oder mir etwas sagen wollt, kommentiert und schreibt uns einfach. Ich bin schon dabei, Fachmeinungen und Infos für ein eBook zu sammeln. Ich denke, das tut uns allen gut. 

Hier erfahrt ihr noch einmal mehr.

 

2 Kommentare



  1. //

    Ein unglaubliches tolles, starkes, ehrliches Interview! Danke dafür! Ich lese Christine von der Villa Schaukelpferd ja schon länger und fühle mich von fast jedem ihrer Texte angesprochen und verstanden. Es gibt nur wenige Bloggerinnen, die sich so offen wie sie äußern. Und zwar nicht nur im Rückblick, sondern auf auf das heutige Leben mit den Kindern bezogen.
    Ein Beispiel dafür ist ihr wudnerbar offener Satz:
    „Das Gefühl der Fremdbestimmtheit, das mich wie Gefängnisgitter umgab, hatte ich jedoch auch in meinen „freien“ Stunden und ist in gewisser, wenn auch deutlich abgeschwächter, Form auch heute noch Bestandteil meines Mutterdaseins.“
    So ist es bei mir auch, bis heute, und indem andere darüber schreiben, traut man sich auch selbst, das eigene Gefühl zu akzeptieren.
    Liebe Grüße und schön, dass Christine mitgemacht hat!

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