„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit Corrie

Wochenbett - BabyBlues und Depression

Als ich zu meiner Interview Reihe aufgerufen habe, da habe ich allen Teilnehmern freigestellt, wie sie ihre Geschichte erzählen: ob anhand der Fragen oder eben wie sie es möchten. 

Meine heutige Interview-Partnerin hat sich für eine freie Geschichte entschieden, aber ich möchte sie euch noch aus einem anderen Grund ans Herz legen. Denn sie hat mir den Text zunächst für eine anonyme Veröffentlichung geschickt, „ich muss das nicht auf die Nase binden“, sagte sie. Wie der Zufall es so wollte, erfolgte die Veröffentlichung nicht sofort und so vergingen einige Wochen. Und was soll ich sagen: Letzte Woche erreichte mich eine Nachricht mit „nenn einen Namen“. Wie jetzt?

Ja, ich sollte ihren Namen nennen. Einfach so. Wahnsinn! Warum ich so aus dem Häuschen bin? Weil es zeigt, dass wir nicht alleine sind! Nach 11 Interviews (und vielen weiteren Meldungen mit „mir geht es auch so“) dürfte eines klar sein: Es ergeht wesentlich mehr Müttern ähnlicher, als man denkt. Und so scheut sich die Autorin heute nicht mehr, wenn ich sage, diese Worte hier schrieb Corrie:

„Vielleicht erst etwas zu meiner Person, bzw. zur familiären Situation. Ich bin jetzt 34 Jahre und unser Gruselwusel ist 3 Jahre alt. Er war und ist ein absolutes Wunschkind. Mein Mann und ich sind inzwischen über 16 Jahre glücklich zusammen und seit über 6 Jahren verheiratet.

Die Schwangerschaft verlief ohne größere Komplikationen. Mir war bis zur 20. SSW dauerhaft übel; lediglich wenn ich geschlafen habe ging es mir „gut“.

Das zweite Trimester war recht entspannt.

Das dritte…naja. Wie das halt so ist wenn die Murmel wächst und man sich fühlt wie ein Orka, der von Greenpeace vergessen wurde ins Meer zurückzuschieben. Ich war eine recht relaxte Schwangere. Ich hatte keine Angst vor der Geburt o.ä., bin zum Elefantenschwimmen gegangen und mir war schon sehr früh klar dass wir über Termin gehen würden. Mein Motto lautete: Das wird schon. Wenn die das im Dschungel hinkriegen, krieg ich das auch hin. Und raus kommen sie alle – ist noch keins drin geblieben.

Die Geburt dauerte (vom Blasensprung bis Ende) 19 Stunden. Alles in allem war die Geburt sehr anstrengend und musste zum Schluss schnell gehen, weil die Herztöne vom Junior anfingen sich zu verabschieden. Direkt nach der letzten Presswehe und mit dem ersten Schrei stand meine Welt schon Kopf. Kein Glücksgefühl, völliges Vakuum und ein Kind, das man mir auf den Bauch gelegt hatte, bei dem ich nur dachte: „Boah, bist Du schwer und warm!“ Es lag da wie ein Fremdkörper. Ich hatte sofort die Worte einer Bekannten im Ohr: „Manchmal muss man sein Kind erst lieben lernen. Man muss sich erst dran gewöhnen.“ Hm. Ok. Also abwarten.

Die Betreuung im Krankenhaus war so naja. Nach 3 Tagen und ohne Milcheinschuss, dafür mit dem kurzen Hinweis ich habe zu wenig Milch und müsse zufüttern, entließ man mich nach Hause. Bis dahin hatte ich mein Kind nicht einmal selbst gewaschen und/oder angezogen, geschweige denn einen Plan wie man einen neugeborenen Säugling mit Flasche ernährt! Bei jedem Besuch war ich froh das Kind jemandem in die Hand drücken zu können.

Zu Hause angekommen ging der Albtraum dann so richtig los. Die Babyschale des Kinderwagens stand auf dem Sofa und bei jedem Zucken oder Seufzen unseres Gruselwusels hatte ich richtige Adrenalinschübe und Panikattacken. Am liebsten hätte ich das Kind mit Tasche in den Schrank gestellt und die Tür zugemacht.

Oh mein Gott! Denke ich das gerade wirklich???

Ich konnte neben ihm nicht schlafen. Selbst in der Nacht war ich bei jedem Mucks wach und voller Panik! Dann ständig Heulattacken – ohne Grund. Der Gedanke mein Kind anzuziehen und mit ihm im Kinderwagen spazieren zu gehen; UNVORSTELLBAR!

Meine Hebamme hat nichts gemerkt. Weder als ich sagte ich bekäme keinen Bissen runter, noch dass ich nicht schlafe. Ich habe während meiner Schwangerschaft 16kg zugenommen. Drei Wochen nach der Geburt hatte ich 18kg wieder runter! Ich habe mit meiner Frauenärztin telefoniert. Die meinte, dass das was ich beschreibe nicht gut klinge und ich zu einer Psychotherapeutin müsse. Auf meine Frage hin an wen ich mich wenden könne, bekam ich eine Telefonnummer.

Es fiel mir schon so unendlich schwer mir diese Gefühle einzugestehen, dass ich es kaum fertig brachte am Telefon darüber zu sprechen. Ich fasste mir also ein Herz und rief bei der Therapeutin an. Die sagte mir dann dass sie nur für die Therapie zuständig sei, nicht für die Diagnose. Ich müsse zu einem Psychiater, sie wisse aber auch nicht an wen ich mich wenden könne. WAS??? Psychiater??? Egal. Krieg ich auch ohne hin. Ich bin ja nicht gestört!

Da war für mich dann Schluss. Ich hatte nicht die Kraft mich um einen Psychiater zu kümmern der für mich zuständig ist! Stattdessen habe ich mir über meine FÄ ein hochdosiertes Johanniskrautpräparat verschreiben lassen, das man auch während der Stillzeit einnehmen darf. In der Zwischenzeit ging es mir objektiv betrachtet immer schlechter. Ich habe mir allerdings eingeredet, mit dem Johanniskraut gehe es besser. Ich muss an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass ich unserem Gruselwusel, obwohl ich solche ambivalenten Gefühle hatte, NIE einen Schaden zugefügt hätte!

Dann kam der Gedanke auf, dass ich mir wünschte, er würde morgens einfach nicht mehr aufwachen neben mir in seinem Bettchen! Dann könnte ich wieder arbeiten gehen und die Welt wäre wieder „in Ordnung“! Ich konnte nicht verstehen wieso der plötzliche Kindstod (SIDS) Eltern widerfährt, die es kaum ertragen und ich, die ihn als dankbare „Lösung“ meines Problems ansah wurde nicht gehört. Diese Gedanken habe ich mit niemandem geteilt. Nicht einmal mit meinem Mann.

Ich hielt mich direkt für eine schlechte Mutter und schämte mich furchtbar für diese Gedanken!

Ich hatte mir dieses Kind doch so sehr gewünscht! Und wieso hatte ich mich mehr über die Geburt meines Patenkindes ein Jahr zuvor gefreut als über die meines eigenen Sohnes? Was stimmte nicht mit mir?

So verging die Zeit.

Mental ging es mir immer schlecht. Ich war genervt, gereizt, aggressiv (mir ist sogar das ein oder andere Mal die Hand ausgerutscht), müde, habe sehr viele Heulattacken gehabt und mein Kind war wie ein Fremdkörper. Ich habe natürlich bei Freunden und in der Familie versucht mit Andeutungen Hilfe zu suchen. Allerdings wurden diese Versuche mit Phrasen abgebügelt wie: „Das ist nur die Umstellung. Da musst Du Dich einfach noch dran gewöhnen.“ Oder „Ich weiß gar nicht was Du willst! Du wolltest dieses Kind doch!“ Nach solchen Aussagen lässt man es dann irgendwann einfach sein.

Für meinen Mann war diese Zeit auch die Hölle!

Er hat mich neben seinem Beruf als Lehrer unterstützt wo er nur konnte! Ist nachts aufgestanden, morgens um 4.00 Uhr mit Kinderwagen um den Block gelaufen, hat mir Freiräume zum Schlafen, Erholen, etc…. ermöglicht. Es half alles nichts. Im Gegenteil. Je weniger Zeit ich mit unserem Sohn verbringen musste, desto schwerer fiel es mir wenn ich mich wieder um ihn kümmern musste. Wenn mein Mann zur Arbeit gefahren ist hatte ich schon totale Panik vor dem Tag. 2 Stunden bevor mein Mann dann nach Hause kam schaute ich schon alle 5 Minuten auf die Uhr.

Wenn er dann zur Haustür reinkam, stand ich schon mit Kind im Arm im Hausflur und habe ihm unseren Wusel in den Arm gedrückt! Trotz aller Unterstützung: mein Mann konnte nicht verstehen was mit mir los ist. Wie auch? Ich wusste es ja selbst nicht! Nach fast 2 Jahren kam mir dann der Zufall zur Hilfe. Meine beste Freundin gab mir den Tipp und die Telefonnummer einer Psychiaterin, die sich auf postnatale Despressionen spezialisiert hat.

Bei unserem Erstgespräch bin ich dann völlig zusammengebrochen. Sie war meine letzte Hoffnung. Wenn sie mir gesagt hätte, ich hätte keine Wochenbettdepression, dann hätte mein Verhalten ja charakterlich bedingt sein müssen. Das hätte ich nicht ertragen. Die Diagnose: unbehandelte Wochenbettdepression, die sich in eine mittelgradige depressive Episode entwickelt hat.

Das ist jetzt fast 1,5 Jahre her.

Ich bin medikamentös ganz gut eingestellt und regelmäßig sowohl in psychiatrischer, als auch in psychotherapeutischer Behandlung. Vor 4 Monaten hatte ich noch einmal einen ziemlichen Tiefpunkt, als ich eine Fehlgeburt in der 7. SSW hatte. Doch seit ein bis zwei Wochen geht es mir wieder besser. Ich halte in meinem Freundes- und Bekanntenkreis und auch in der Familie jetzt natürlich verstärkt die Ohren offen, wenn Mütter erzählen wie es ihnen geht.

Und ich erzähle auch von meiner Depression und wo sie Hilfe bekommen können. Mein Tipp: Lieber einen Termin zu viel beim Psychiater machen als so eine Tortur erleben! Wenn es Euch nicht gut geht, lasst es abklären! Je früher eine Wochenbettdepression erkannt wird, desto besser ist sie zu behandeln und desto besser ist es für die Mutter-Kind-Bindung!

Ich vermisse heute viele Momente aus den ersten zwei Jahren mit unserem Sohn, die ich einfach nicht genießen konnte. Wenn ich mir heute Fotos oder Videos aus seiner Babyzeit anschaue, kommen mir öfter mal die Tränen oder ich habe einen Kloß im Hals, weil ich jetzt erst erkenne was für ein süßer Fratz er war (und natürlich noch ist) und mir ging er immer nur auf den Keks.

So, liebe Petra. Ich hoffe das ist so in etwa das was Du Dir vorgestellt hast. Naja. Zumindest ist es meine Geschichte.

Ganz herzliche Grüße
Corrie“


Corrie: Ich danke Dir! Für den Mut und Deine Offenheit und Deine Geschichte. Du hast meinen Respekt und ich weiß gar nicht, was ich dazu noch sagen soll…

3 Kommentare


  1. //

    Ich kann gerade nicht wirklich schreiben,weil mir die Tränen in den Augen stehen. Ich fühle so mit dir…bei den Worten über deine Gefühle nach der Geburt,die semioptimale Betreuung im Krankenhaus…die erste Zeit, vor allem alleine mit Kind…die Panik davor…das Schielen auf die Uhr…auch ich habe das erlebt. Zum Glück hatte ich schon lange vor der Schwangerschaft therapeutische Hilfe (andere Geschichte) genossen, so dass ich ziemlich schnell wieder dort angerufen habe. Das war gut. Es hat zwar nicht direkt geholfen, aber es gab den Anstoß. Geholfen hat dann paradoxerweise die Sitution,dass mein Mann plötzlich in der Woche nicht zu Hause war. Es hat mich psychisch nochmal an den Abgrund gebracht, ich hatte schlimme Gedanken und war oft kurz davor,einfach abzuhauen. Zum Glück ist meine Maus eine ganz ganz tolle Maus und mein Mann eine unendlich große Stütze…irgendwie habe ich es geschafft. Manchmal fühle ich mich zwar,als ob ich auf einem Bein balancierend am Abgrund stehe,aber dieses Gefühl wird wohl bleiben. Ich schaue mein Maus an und denke an die Dinge,die ich ihr zeigen will,die ich mit ihr erleben will…und dann schwenke ich gedanklich mit dem Bein um und gehe festen Schrittes vom Abgrund weg. Danke für deinen Bericht! Alles Gute!
    Andrea


  2. //

    Hallo Du,
    ich bin gerade auf deinen tollen Blog gestossen und bin total begeistert. Deshalb bin ich auch gleich mal Leserin bei dir geworden. Liebe Grüße, Petra von Papier und Tintenwelten für Klein und Gross

    PS. Wenn du nur was für die großen suchst klick mal HIER


  3. //

    Danke für deine Geschichte! Auch wenn es mir selbst nicht so erging, sensibilisieren mich solche Texte bei anderen aufmerksam zu sein und Verhaltensweisen rechtzeitig einordnen zu können.
    Lieben Gruß Jessica

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