„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit feierSun.de

Interview Wochenbett - BabyBlues und Depression
Interview Wochenbett – BabyBlues und Depression

Es ist schon länger her, seit dem das letzte Interview zum Thema „Babyblues / Wochenbettdepression“ erschien. Um so mehr freue ich mich, dass noch ein Interview dazu kommt. Heute mit einer sehr imposanten Frau, die nicht nur ihr eigenes Kind groß zieht: Jessica von feierSun.de. Aber lest bitte selbst!

Liebe Jessica, danke, dass Du dabei bist und meine Fragen beantworten wolltest und dieses Thema offen ansprichst!

  1. Wie immer als erstes: Erkläre doch kurz, wer Du bist?

Ich bin Jessica – als JesSi Ca blogge ich auf feierSun.de. Ich bin seit 2011 Mutter meiner Tochter, die Motte und seit 2013 Pflegemutter des großen Jungen (1998). Neben der Mutterschaft haben wir eine eigene Firma, in der ich arbeite und ich betreibe den Blog. Die Firma nährt uns, der Blog meine Seele. Aus der Großstadt weggezogen, lebe ich nun das Leben auf einen Dorf im Norden Deutschlands und lebe das ganz normale Familienleben einer etwas anderen Familie.

2. Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?

Ich hab zwei Kinder. Allerdings kam der große vor 3 Jahren zu uns, den hab ich also nicht geboren. Er ist unser Pflegekind und daher kam er nach der Geburt der Motte der Blues.

Jessica von feierSun.de

3. Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben? Also wurde es auch eine Depression?

Ich glaube direkt nach der Geburt bzw. in der ersten Nacht in der ich zu Hause war, da traten die ersten Anzeichen auf. Meine “Heultage” zogen sich hinaus und von dem Moment an begann ich an mir zu zweifeln und verlor den Glauben daran, jemals eine gute Mutter zu werden. Als sich das mit dem Stillen dann endlich einpendelte, da drang das alles schon wieder in den Hintergrund, doch als das Stillen dann nach einem Kampf einfach zu Ende ging, an einem Punkt, an dem es für mich noch nicht zu Ende war, da fiel ich in ein tiefes Loch.

Das es auch eine Wochenbettdepression gibt, die nicht gleich nach der Geburt auftritt, dass war mir nicht klar. Aber Hormone die kommen, die müssen ja auch wieder gehen – klingt logisch, aber was ist in solch einer Situation schon logisch. Ich hab es immer auf die äußerem Umstände geschoben. Ich war allein, viel allein. Der Mann selbstständig und daher ständig arbeitend und “nebenbei” noch unser Haus bauend. Der Druck des Hausbaues und keine Freundin, mit der man mal eben schnell nen Kaffee trinken oder den Kinderwagen schieben gehen konnte. Ich war allein mit meiner überzogenen Vorstellung, das ich niemals eine gute Mutter werden würde. Und ZACK war ich gefangen und ging ganz schön lange ganz schön weit in die falsche Richtung. Und so verlor ich mich in einer dunklen Welt, in der ich mich immer auf dem Prüfstand meiner selbst befand und mir niemals gerecht wurde. Bis ich das Haus nicht mehr verließ, da war ich angekommen an meinem Punkt an dem es nicht mehr ging – doch Hilfe war noch nicht in Sicht, aber die Erkenntnis, dass es so nicht weiter geht.

4. Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues / Wochenbettdepression?“

Das hat lange gedauert, da ich die Perfektion ausgeklügelt hatte immer zu funktionieren. Und so schleppte ich nach dem Wochenbett das ganze noch gut zwei Jahre mit mir herum, bis sich meine Freundin öffnete und ich mich dann ihr gegenüber. Sie merkte schon viel eher – aus eigenen Erfahrungen – das da was nicht stimmt, beobachtete das ganze aber in der Hoffnung, dass ich mich ihr anvertraue, aber das Thema Vertrauen war nicht so einfach für mich und so ging sie viele Schritte auf mich zu und ich ihr dann entgegen. Das gab mir die Sicherheit, dass sie nicht über mich urteilen würde und so war sie auch via FB-Nachrichten dabei als ich alle Psychologen durchtelefoniere und stand mir bei. Zwischen dem Heulen ermunterte sie mich immer wieder “ruf den nächsten an, ich bin da ich geh hier nicht weg”. Ich glaube, ohne sie wäre ich da niemals da raus gekommen.

5. Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?

Da ich ihn einfach nicht wahr nahm und lange mit schleppte war es eine sehr intensive dunkle Phase in meinem Leben, die natürlich Episodenweise immer wieder abschwächte um dann aber mit voller Inbrunst wieder zurück zu kehren. Daraus entwickelten sich auch noch diese verflixten Ängste, dass durchleuchteten wir aber dann erst in der späteren Therapie.

6. Gab es Verstärker (Momente, in denen es besonders schlimm war) und was hast Du dagegen und gegen die Gefühle  unternommen?

Immer dann, wenn etwas nicht funktionierte. Und während eines Hausbaus gehen viele Nerven drauf. Viele Entscheidungen und noch mehr Druck von Außen. Immer perfekte sein zu wollen, dass ist ganz schön anstrengend und so landete jede Kritik und sei sie noch so nett gemeint gewesen, trat sich in mein Herz und zerriss mein Selbstwertgefühl.

Jessica von feierSun.de

7. Wie lange hat der Blues angedauert? Und warum hat er geendet bzw. warum wurde es eine Depression (falls es eine war)?

Ich glaube der Babyblues ist in eine Depression übergegangen, weil ich ihn nicht erkannt habe und ihn niemand erkannte hat und ein wirkliches Ende kann ich gar nicht beziffern. Es wurde einfach irgendwann besser – nachdem es ganz krass war und nun versuchen diese Depressiven Phasen immer wieder hoch zu kommen und es gibt Tage, an denen sind sie deutlicher und Tage an denen sind sie weniger deutlich, aber wie mein Psychologe auch immer sagt: “Ich kann Sie nicht heilen, ich kann ihnen nur zeigen, wie Sie Ihr Leben damit gestalten können”….. ich glaube daran ist viel Wahres.

8. Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?

Zwischen Unverständnis und “stell Dich nicht so an” war alles dabei. Auch im engsten Kreis. Selbst der Mann musste es erste erkennen und damit umzugehen lernen.

9. Glaubst Du, der Babyblues /Wochenbettdepression ist vollständig verschwunden?

Jaein, der klassische Blues vielleicht, aber er hat weiter Kreise gezogen und neben depressiven Phasen auch viele Ängste in mir hervorgebracht und an Tagen, an denen diese stärker sind, ist es wieder da, dieses Gefühl des Versagens. Jeden Tag stehe ich auf und sehe sie an meinem Bett sitzen, diese Dämonen und sie lachen und sie grinsen und kichern und jeden Tag beschließe ich aufs neue ihnen mein Gesicht hin zu halten und zu sagen “Ihr könnt mich mal, ihr habt es zwar geschafft in mein Leben zu treten,aber die Macht über dieses Leben werde ich Euch einfach nicht mehr geben. Seid da, aber rechnet damit, dass ich gegen Euch kämpfen werden.“ – Das hört sich verdammt stark an, wenn ich das so selber lese, aber es ist auch verdammt schwer und eine Mammutaufgabe. Jeden verdammten verflixten Tag.

10. Hat Dich das Gefühlschaos nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?

Ja definitiv, Ich reflektiere mich mehr und schaue genauer hin. Bei mir und bei anderen Müttern. Ich haue zwar nicht jedem im analogen Leben meine Psyche um die Ohren, aber verschweige es auch nicht, wenn es auf das Thema zugeht. Einfach um zu zeigen – es geht viel mehr Menschen so wie Du gerade denkst.

11. Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt?

Sprecht darüber und denkt nicht, dass muss so sein oder da müsst Ihr nun allein durch. Es wird Euch viele Tränen und viel dunkle Tage ersparen und wer weiß das so eine blöde Wochenbettdepression nicht noch alles mit in petto haben kann.

12. Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren? Hast Du einen Blog (Social Media Accounts), dann schreibe es hier. Wenn Du anonym bleiben willst, ist das aber auch ok!

Ja, ich schreibe über unser Leben als etwas andere Familie auf meinem
Blog
feierSun.de | Der Familienblog der anderen Art außendem findet man mich auf den Sozial-Media-Kanälen: Facebook, Twitter @feierSun, Google+, Instagram, Pinterest und YouTube

 

 

 

Liebe Jessica, ich kann nur wiederholen: Danke für Deine Offenheit und für Deine ermunternden Worte! Sehr, sehr mutig!

Deine P.