„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit M.J.

Interview Wochenbett - BabyBlues und Depression
Interview Wochenbett – BabyBlues und Depression

Das heutige Interview fällt mir schwer. Warum? M. Hergang mit der Schwangerschaft, mit den Wehen, mit der Einleitung… All das kenne ich. Und all das wünsche ich genau so niemandem. Heute kann ich darüber nachdenken und … so etwas wie lächeln. M. ist noch auf dem Weg und ich freue mich, dass ich sie hier und in der FB Gruppe begleiten darf.

Lest selbst!

1. Wie immer sinnvollerweise als erstes: Erkläre doch kurz, wer Du bist?

Ich heiße M.J., bin 29 Jahre alt und komme aus Fulda. Mein Sohn ist ein Jahr alt und heißt J.. Ich bin gelernte Erzieherin und im Moment in Elternzeit.

2. Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?

Ich habe ein Kind und bei ihm trat die Depression auf.

3. Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben? Also wurde es auch eine Depression? 

Anzeichen gab es bei mir schon ca. zwei Wochen vor Geburt. Ich wurde sehr ungeduldig und konnte es kaum erwarten „es endlich hinter mich zu bringen“. Durch Freundinnen die zeitgleich mit mir Termin hatten und alle schon ihre Babys hatten kam ich in Zugzwang, jeder aus dem Bekanntenkreis fragte wann es endlich soweit ist. Von der Körperlichen Belastung am Ende einer Schwangerschaft mal ganz abgesehen hatte ich einfach keine Lust mehr. Am errechneten Termin überwies mich meine FA ans Klinikum mit der Diagnose „tired of pregnancy“ (deut.: Schwangerschaftsmüdigkeit) zum vorzeitigen Einleiten. Aus personellen Gründen konnte ich allerdings erst nach 5 Tagen eingeleitet werden (am Vortag hatten wir auch noch einen Autounfall) und so wurde es eine sehr schwere Geburt. 21 Stunden Wehen und nur 4 cm Öffnung des Muttermundes. Am Ende wurde es Kaiserschnitt (dabei hatte ich mit eine Wassergeburt gewünscht) und war und ist heute noch nie eine richtige „Geburt“ gewesen. Hinzu kamen anfängliche Stillschwierigkeiten und der Babyblues noch im KH. Durch starke Schmerzen im Narbenbereich konnte ich die ersten zwei Wochen nicht wickeln und baute eine große Distanz zum Baby auf.

Im Wochenbett war ich viel auf Hilfe angewiesen, hatte körperliche Schmerzen, fühlte großen Unmut über das Nichtversorgen des Babys. NIE habe ich das stolze Gefühl gehabt dass das MEIN Baby ist oder vor Freude geweint. Viel geweint habe ich vor Trauer, aus Müdigkeit und Versagensgefühlen. In den Monaten danach gab es gute und schlechte Tage. Aber stets waren zunehmend: Müdigkeit, Erschöpfung, Weinen, Traurigkeit, suizidale Gedanken mir und dem Kind gegenüber, Schuldgefühle, Zwang, Druck, Perfektionismus, sexuelle Unlust, Desinteresse, Schlafstörungen (3 Std, Schlaf pro Nacht/ obwohl das Baby schlief), extreme Reizbarkeit, Herzrasen, Ämgste, Aggressionen dem Kind gegenüber, motorische Unruhe, Verweigerung, Unglücklich sein, Überforderung mit dem neuen Leben und das alte Leben zurück haben wollen, weghören wenn andere über Geburt reden (versetzt in Traurigkeit und eigene Versagensgefühle kommen wieder), Bauchweh bei Gedanken an die eigene Geburt, mangelnde Versorgung des Kindes und Lähmung des Körpers wenn das Kind schreit.

Ich konnte dieses Kind einfach nicht lieben. Es war nicht meins

4. Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues / Wochenbettdepression?“

Ich habe mich meinem Partner anvertraut. Erst verhalten aus Angst ihn zu enttäuschen und mitzunehmender Depression wurde es auch ihm immer bewusster dass ich Hilfe brauchte. Über das Internet (Licht und Schatten) sind wir an eine Telefonnummer gekommen von einer guten Fee die bei einem Arbeitskreis zum Thema Wochenbettkrise arbeitet und Hausbesuche macht. Sie hat mir geholfen auf der Suche nach einer geeigneten Psychotherapeutin und weil es immer schlimmer wurde sogar bei der Suche nach einer stationären Klinik zur Mutter-Kind-Behandlung.

5.Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?

Es ist eine Depression.

Anfänglich war die Versorgung des Kindes für mich am schlimmsten. Es war nicht mein Kind und ich sah ihn nur als Belastung. Ich wollte einfach nur dass er weg war und kümmerte mich nur sehr sporadisch um ihn. Grad genug dass es satt und sauber war. Schlimm wenn man solche Gefühle dem eigenen Kind gegenüber hat. Dieses kleine unschuldige Wesen konnte am wenigsten dafür… Besonders schlimm war und ist es immer noch wenn Menschen um mich herum sind. Egal ob Familie, Freunde, Bekannte oder Fremde. Scheinbar haben es alle so gut und bekommen alles so gut hin und hatten alle eine tolle Geburt. Da habe ich die größten Versagensgefühle.

6. Gab es Verstärker (Momente, in denen es besonders schlimm war) Und was hast Du dagegen und gegen die Gefühle unternommen?

siehe Frage 5

Unternommen habe: Kinde abgegeben sooft es ging um Zeit für mich zu haben und mich zu erholen. Und soziale Aktivitäten (Feste, Vereine, Feiern, etc.) zeitlich begrenzt und stark reduziert.

7. Wie lange hat der Blues angedauert? Und warum hat er geendet bzw. warum wurde es eine Depression, falls es eine war?

Geboren ist J. im Juli 2014. Da fing alles an.

Am schlimmsten wurde es im März 2015. Im Juni gab es den nächsten Tiefpunkt und ich bin in eine Psychiatrische Klinik mit Kind. Ende Juli bin ich nach Hause (auf eigenen Wunsch) und erst nach großer Umstrukturierung des Alltags und Entschleunigung meines Lebens geht es jetzt erst langsam etwas besser.

Zumindest liebe ich mein Kind über alles. Das ist das wichtigste. Ich beginne zur Zeit mit der Psychotherapie und werde da dann alles andere klären, Geburtstrauma, Gefühle, uvm.

Also so richtig vorbei ist es noch lange nicht…

8. Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?

Reaktionen waren oft von Unverständnis und Vorwürfen geprägt. Blöde Sprüche wie: „Stell dich nicht so an“ kennt jede Frau, egal ob depressiv oder nicht.

Von meinem Partner habe ich große Unterstützung erfahren. Ging ihm aber auch sehr an die Nieren.

9. Glaubst Du, der Babyblues /Wochenbettdepression ist vollständig verschwunden?

Nein. aber das schlimmste liegt hinter mir. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung die es zu bewältigen geht. Ich halte mich an meine eigenen Regeln (weniger Termine, etc.) und versuche mir mehr Zeit für mich und mein Kind zu nehmen. Die Zeit mit ihm ist so schön und wertvoll!

Depression Interview mit M.J.
Depression heißt nicht, niemals zu lächeln. Aber lieben fällt einem so schwer. Du machst das super, liebe M. J.

10. Hat Dich das Gefühlschaos nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?

Ja hat es. Mein Leben musste sich ändern. So konnte es ja nicht weiter gehen. Ich bin am Limit gefahren und mein Kind hat mir meine Grenzen gezeigt. Das war auch gut so.

Wenn ich andere Eltern sehe würde ich gerne mit ihnen offen sprechen und helfen. Aber davor habe ich einfach noch zu viel Angst.

11. Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt?

Holt euch Hilfe! Informiert euch nach örtlichen Hilfestellen. Auch im Internet (z.b. Licht und Schatten gibt es Kontakte). Öffnet euch eurem Partner, oder einer Freundin. Irgendwem der euch zuhört und für euch da ist.

Auch ich bin gerne für dich da 😉

12. Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren?

Kein Blog. Aber ich möchte auch nicht anonym bleiben. Ich stehe zu meiner Krankheit.

Anmerkung: Wenn jemand M.J. kontaktieren möchte, vermittle ich gern!