„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit MeisemitHerz

Interview Wochenbett - BabyBlues und Depression
Interview Wochenbett – BabyBlues und Depression
Eine Depression kann nicht nur auftreten, wenn das Kind da ist, auch ein unerfüllter Kinderwunsch kann zu Depressionen führen. Ich finde das ebenso spannend wie hilfreich, auch wenn die Geschichte der lieben @MeisemitHerz phasenweise traurig ist. Ich finde es sooo mutig, dass sie sie erzählt und ich hoffe, dass ihr diesen Mut genauso belohnt!
Hier erzählt sie uns von der Kinderwunsch-Achterbahn, der Depression und dem Happy-End (möge es ewig anhalten!):

1. Erkläre doch kurz, wer Du bist?
 
Ich bin bei Twitter @MeisemitHerz. Ich bin 36 Jahre alt und seit 10 Jahren mit der Liebe meines Lebens verheiratet, mit der ich schon seit 20 Jahren zusammen bin. Nachm Abitur habe ich Damenschneiderin gelernt und als Gesellin auch in Theatern als Kostümschneiderin und Kostumgestalterin gearbeitet. Die Arbeit dort hat mich aber fertig gemacht oder nicht meinen Vorstellungen eines kreativen Berufs erfüllt. Man ist nur Näherin und muss alles so machen wie die Gewandmeister es vorgeben, nichts mit eigener Kreativität, leider. Nach einem schwarzen Loch habe ich dann Kindheitspädagigik studiert und habe das als meine Berufung gesehen: Kindern Qualitytime bescheren. Während des Studiums bekam ich meine erste Tochter und auch (nach bisherigem-Leben-s-langem Leiden) die ADHS-Diagnose, die mir sehr half, mich mehr kennenzulernen, zu verstehen, zu verbessern.
 
2. Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?
 
(Kurz: Zwei, beim zweiten Kind)
 
Ich habe zwei Kinder. Nach fünf Jahren Ehe und unerfülltem Kinderwunsch kam unsere erste Tochter (ich nenne sie auf Twitter immer #Lütte) mit Hilfe von künstlicher Befruchtung (ICSI) 2010 zu uns. Damals ging es mir wunderbar! Welch ein Wunder: wir hatten tatsächich ein eigenes Kind!
Danach hatten wir Ende 2012 zwei erneute ICSIs, die beide keine Schwangerschaft hervorbrachten. Daraufhin stürzte ich im Frühling 2013 in ein tiefes Loch, weshalb ich mich in professionelle Hilfe begab und die Diagnose „schwere Depression“ bekam. Ich fing eine Therapie bei einer Institutsambulanz an. Einmal im Monat Treff mit Psychiaterin (Medikationsbesprechung), einmal im Monat Gespräch mit Psychologin. Das half mir nicht ganz so gut, ich blieb depressiv. Weil ich einfach nicht mehr konnte und wieder gesund werden wollte, beschloss ich den Wunsch nach einem zweiten Kind zu begraben.
 
Im September 2014 fuhr ich mit meiner Familie nach Schweden, wo mein Mann und ich uns 1994 kennen lernten („20-Jähriges“ sozusagen). Dort eröffnete ich meinem Mann meinen Beschluss kein weiteres Kind zu haben und wir waren zufrieden damit. So zufrieden, dass wir, als wir wieder zuhause waren, feststellten, dass ich noch im Urlaub auf natürlichem Wege schwanger geworden war! #Purzelina war in unser Leben gepurzelt! Wir konnten unser Glück kaum glauben! Noch ein Wunder und diesmal auf ganz natürlichem Wege! Verrückt!
Und da begann wohl mein Babyblues… (Auch setzte ich mit Bekanntwerden der Schwangerschaft meine ADHS- Medikation und meine Antidepressiva ab.)
 
3. Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben? Also wurde es auch eine Depression?
 
Immer wieder drehten sich meine Gedanken (in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten) darum, dass ich doch beschlossen hatte, mit nur einem Kind glücklich zu werden, dass ich kein weiteres Kind mehr brauche/ möchte, dass ich es doch psychisch eigentlich gar nicht schaffe, zwei Kinder zu haben, dass ich nicht mehr bereit sei, noch ein zweites Kind zu haben…
Mit fortlaufender Schwangerschaft, wachsendem Bauch und Gesprächen mit meinem Mann, dass wir dies schaffen werden und er da überhaupt keine Zweifel habe, dass ich wieder eine ganz tolle Mutter für dieses zweite Kind werde, nahmen auch meine verzweifelten Gedanken ab und wichen einem Vertrauen und einem Aktionismus. Denn ich wollte noch vor der Geburt wieder „stabil“ werden. Meine Psychiaterin warnte mich bei Absetzen aller Medikation davor, dass ich nach der Geburt in eine Wochenbettdepression oder sogar eine Psychose -eine Steigerung mit Wahnvorstellungen/Halluzinationen- verfallen könnte. Ich wollte dem präventiv vorwirken und so ging ich in der 27. Schwangerschaftswoche für sieben Wochen in eine Psychiatrische Tagesklinik. Dort ging ich dann wirklich stabil und gestärkt für Geburt und die Zeit danach wieder nach Hause.
Drei Wochen hatte ich dann noch zuhause bis überaschend in der 37. Schwangerschaftswoche meine zweite Tochter -wieder wie bei der ersten Tochter auch eine schöne Hausgeburt – geboren wurde.
 
Dann begann mein wohl zweiter Babyblues, den ich aber vor allen verheimlichte, denn ich fand ihn so schlimm. Ich liebte dieses zweite Wunder vom ersten Augenblick an, jedoch übermannte mich immerwieder dieses hilflose Gefühl bei dem immer wiederkehrenden Gedanken „Ich wollte dich doch gar nicht mehr!“. Diesen Gedanken fand ich so grauenhaft, dass ich ihn keinem erzählte. (Kann sein, dass ich auf Twitter mal so einen Hinweis darauf gab, aber nicht so richtig.)
Jetzt wo ich davon schreibe, schießen mir die Tränen in die Augen, aber so war es. „Eigentlich hatte ich beschlossen, kein zweites Kind zu bekommen, dass es besser für alle sei. Und jetzt bist du doch da, du mir noch unbekanntes Wesen! Einfach so!“
Diesmal brauchte ich aber nicht drei Monate um über diese „schwarzen“ Gedanken hinwegzukommen. Es reichten drei Wochen. Drei Wochen in denen ich lernte: hey, ich kann das doch! Wir können es! Wir alle schaffen das zusammen! Es passt! Wir vier gehören zusammen! Es ist gut, dass #Purzelina bei uns ist!
Jetzt ist sie neun-ein-halb Wochen alt und ich kann wahrhaftig sagen: sie hat mir zum Glück noch gefehlt! Sie lässt mich besser sein als zuvor! Ich bin durch sie (und ich denke auch durch das Stillen mit ihr) plötzlich viel verständnisvoller und geduldiger mit meiner Fünfjährigen als zuvor! Ich liebe mehr und liebe wieder das Leben! Ich bin weniger aggressiv, ruhe mehr in mir, weiss wieder um meine Stärken und kann auch wieder lachen!
 
4.  Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues / Wochenbettdepression?“
 
In der Schwangerschaft hatte ich meine Zweifel, ob ich das denn überhaupt doch schaffe mit zwei Kindern, mit meinem Mann besprochen. Er unterstützte mich auch mit der Tageskliniksache zur Prävention. Auch beschlossen wir, dass er auch präventiv zwei volle Monate nach der Geburt zuhause bleiben und mein Wochenbettmanager sein würde.
Nach der Geburt machte ich das ganz allein mit mir aus und versteckte es wohl auch gut genug, sodass keiner etwas vermutete und mich darauf ansprach.
 
5.Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?
 
In der Schwangerschaft war ich ja -bevor ich dann von 8:30 bis 15:30 Uhr jeden Tag in der Tagesklinik war- jeden Vormittag allein, solange #Lütte im Waldkindergarten war. Da schlief ich viel/lang, war noch oft depressiv. Ich schaffte es grad so #Lütte ausm Waldkindergarten abzuholen und dann einfaches Mittagessen zu machen. Nachm Essen lagen wir auf der Couch oder im Bett und hörten Hörspiele, während denen ich oft einschlief oder döste.
 
Besonders schlimm waren meine Gedanken abends im Bett, wenn ich nur mich und meine Gedanken hörte und wenn mir irgendwas nicht gelang, dann kamen sofort diese Selbstzweifel, wie ich das denn bitteschön mit zwei Kindern alles hinkriegen sollte.
Nach der Geburt die ersten drei Wochen waren sehr schlimm für mich, ich hasste mich für die Gedanken,die ich da hatte. Oft sah ich gefühlt hilflos dieses wunderbare Ding in meinen Armen an und dachte „Ach, ich wollte dich doch gar nicht.“ „Warum nur bist du zu uns/mir gekommen?“ „Ich schaffe das mental doch garnicht mit zwei Kindern.“ „Ja, du bist ein totales Wunder, aber ich hatte doch abgeschlossen und wollte. Dich doch gar nich mehr.“ Besonders schlimm waren die Gedanken, wenn ich allein war. Denn da lies ich überhaupt solche Gedanken aufkommen.
 
6. Gab es Verstärker (Momente, in denen es besonders schlimm war) Und was hast Du dagegen und gegen die Gefühle  unternommen?
 
Ein Verstärker war natürlich, wenn #Purzelina geweint hat. Oder als meine Brüste wegen der zu vielen Milch, die ich hatte, schmerzten. Als ich Milchstau hatte, bzw. als die Milch vom Kolostrum zur richtigen Muttermilch sich änderte, was unglaubliche Schmerzen und Rötung der Brust mitsich brachte.
Ich sagte mir immer wieder, dass ich es mir doch eigentlich gewünscht hatte, nochmal ein Kind zu stillen und wie wundervoll es doch ist, dass ich so viel Milch habe und es mit dem Stillen wieder klappt. Ich versuchte die erneute innige Bindung/Symbiose zu einem Kind zu genießen. Wenn ich alleine war habe ich wissentlich dass man Gefühle egal welcher Art zulassen soll, über dieseGefühle und Gedanken geweint, es rausgelassen. Das half.
 
7. Wie lange hat der Blues angedauert? Und warum hat er geendet bzw. warum wurde es eine Depression, falls es eine war)?
 
Dieser nachgeburtliche Blues hat glaub ich nur die ersten drei Wochen nach der Hausgeburt angehalten. Geendet hat er, weil ich einfach im Leben zu viert merkte, dass es „läuft“. Ich bemerkte wieder was für einen wunder-wundervollen Mann ich an meiner Seite habe. Dass ich das alles nicht alleine wuppen muss, dass wir zwei ein super Team sind und alles gemeinsam ganz gut schaffen (bisher). Auch verbrachte ich ja ein langes ausgiebiges sehr umsorgtes geborgenes Wochenbett. Bei Twitter schrieb ich oft den Hashtag #WochenbettDeluxe. Mein Mann, #Purzelina und ich verbrachten ein 8-wöchiges Wochenbett zusammen. Ich war nur bei Toilettengängen von meinem Baby getrennt, badete mit ihm immer zusammen. Die ersten drei Tage schlief #Purzelina nackt Haut-auf-Haut auf meiner Brust, Tag und Nacht. Das denke ich half mir auch sehr, mich auf dieses neue -eigentlich nicht mehr gewollte- Wesen einzulassen.
 
8. Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?
 
Hm… So vom Gefühl sehr wohlwollend. Ich wurde sensibel umsorgt. Sensibel wegen Wochenbett und der Leistung der Hausgeburt, nicht wegen Depression.
 
9. Glaubst Du, der Babyblues /Wochenbettdepression ist vollständig verschwunden?
 
Ja. (Aber die generelle Depression lauert weiterhin in ihrem Versteck, aber das wird denke ich mein Leben lang so bleiben.)
 
10. Hat Dich das Gefühlschaos nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?
 
Ja. Ich weiss jetzt mehr über mich. Ich weiss, dass ich noch über mich hinauswachsen kann. Ich weiss, dass ich mit meinem Mann ein super Team bin und alles mit ihm überwinden werde. Auch hat mir meine neue Tochter vieles gezeigt. Dass sie richtig hier bei uns ist, dass sie genau hierher zu uns gehört und wohl wirklich noch gefehlt habe.
(Bei diesem Gedanken muss ich immer an @jademond denken, die mir genau das in der Schwangerschaft gesagt hatte. Ich danke dir sehr dafür, du Liebe!)
Die Frage hinsichtlich anderer Eltern verstehe ich nicht so recht. Ich denke es hat mich darin nicht verändert.
 
11. Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt?
 
Mit der Hebamme, dem Mann/der Frau darüber reden! Oder mit einer Freundin/Freund, einer vertrauensvollen Person. Sagen, dass man das alles sich anders vorgestellt hat und nicht weiter weiss. Und auch: viel „einfache“ Zeit mit dem Baby verbringen. Haut-auf-Haut. Zusammen baden. Kuscheln. Schlafen. Sich bewusst von der Welt-da-draußen abschotten, Zeit zu zweit (oder dritt) verbringen. Hilfe annehmen! Wir wurden im Wochenbett bekocht und beputzt! Das tat gut!
 
12. Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren?
 
Mir (und #Lütte und #Purzelina) kann man auf Twitter folgen unter @MeisemitHerz.
Und ja, noch möchte ich anonym bleiben.