„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit Sam von Momsoffice

Wochenbett - BabyBlues und DepressionDieses Interview heute… es schlummert schon ein Weilchen bei mir. Ich freue mich aber besonders darüber, dass es nun online geht.

Warum? Weil Sam oder Herzteddy (wie sie auf Twitter heißt) sich fast schwer mit dem Text getan hat und ich mich darüber freue, dass sie so viel Vertrauen hatte, ihn trotzdem zu veröffentlichen! Es ist gut so!

Wie sie die Zeit der Schwangerschaften bis zur heutigen Patchworkfamilie erlebt hat, lest ihr hier.

1. Wie immer sinnvollerweise als erstes: Erkläre doch kurz, wer Du bist?

Hallo, ich bin Sam und lebe mit meiner Patchworkfamilie, das sind meine Jungs, mein Freund und ein großes Rudel Vierbeiner, im schönen Münsterland.

2. Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?

Meine zwei Buben sind mittlerweile 16 und 11 Jahre alt. Also schon eine ganze Weile her, als der Babyblues, wenn es einer war, bei mir zulangte. Bei meinem Großen habe ich es damals als solchen nicht empfunden. Ich war einfach nur traumatisiert von einer schlimmen Geburt, die in einem Notkaiserschnitt endete. Für mein Baby war es in letzter Minute. Zwei Tage hat diese nette Krankenhausbelegschaft meine Bedenken, dass da etwas nicht stimmt, lächelnd abgetan. Erst als das kleine Herzchen nicht mehr richtig wollte/konnte, haben sie mich kurzerhand ausgeknipst, um ihn zu holen.

3. Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben? Also wurde es auch eine Depression?

Bei mir war es während des Krankenhausaufenthaltes am schlimmsten. Es kam keine Freude auf, nicht einmal als ich nach 2 Tagen wieder so mobil war, dass ich mich selbst um mein Baby kümmern konnte. Eine zuvor nie gekannte Wut beherrschte mich, dazu kam die schiere Angst, dass dem Kleinen doch noch etwas passiert. Dass sie ihn mir am Anfang immer nur für ein paar Minuten in den Arm legten und ihn später auch über Nacht nicht bei mir ließen, verstärkte die ganze Sache noch.

4.  Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues / Wochenbettdepression?“

Weder, noch. Einzig meine Mutter nahm mich hin und wieder in den Arm.   „Es ist ja Gott sei Dank alles gut gegangen und jetzt musst du vorwärts gucken.“ Und das tat ich dann auch.

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5. Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?

Für mich war es schwierig, diese ganzen negativen Gefühle zu händeln, ich wusste nicht damit umzugehen. So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Körperlich ging es mir sehr bescheiden. Trotzdem ich todmüde war, konnte ich nicht schlafen und ich fühlte mich absolut fremdbestimmt und von niemandem verstanden. Ich bin im Kopf einfach nicht zur Ruhe gekommen. Selbst lieber Besuch war lästig, und dass sie meinen Jungen beschmusten, fütterten und die Windeln wechselten, noch bevor ich es einmal konnte, damit wollte ich mich gar nicht abfinden.

6. Gab es Verstärker (Momente, in denen es besonders schlimm war) Und was hast Du dagegen und gegen die Gefühle  unternommen?

Besonders schlimm war für mich, die traute Zwei- oder auch Dreisamkeit meiner ganz lieben Bettnachbarin mitzuerleben. Und als sie am 2. Tag nach der Geburt nach Hause ging, hat mich das noch ein Stück weiter runtergezogen. Als sie fort war, weinte ich das erste Mal. Danach ging es mir ein bisschen besser und ich fasste den Entschluss, auf keinen Fall die angekündigten 10 Tage in der Klinik zu bleiben.

7. Wie lange hat der Blues angedauert? Und warum hat er geendet bzw. warum wurde es eine Depression, falls es eine war)?

Am Tag 7  wurde die U2 bei meinem Baby durchgeführt, es war alles in Ordnung. Das war mein Startschuss. In der darauffolgenden Nacht habe ich mein Baby im Zimmer behalten und meine Tasche gepackt. Am nächsten Morgen verließ ich auf eigene Verantwortung die Klinik (des Grauens). Mein Befreiungsschlag! Und der Anfang vom Ende des Babyblues. Eine Depression wurde es nicht. Einzig meine Ängste, die ich vorher absolut nicht kannte, bin ich lange nicht mehr losgeworden.

Die ersten Tage zu Hause hat es mich sehr viel Überwindung gekostet, mit dem Kleinen vor die Tür zu gehen. Am Anfang hat mich jede kleinste Erkältung meines Großen nachts nicht schlafen lassen, ich musste ständig schauen, ob er noch atmet. Ich hatte tierische Angst vor dem plötzlichen Kindstod. Ich habe 4 Jahre gebraucht, um mich an das Projekt 2. Wunschkind zu wagen. Auch habe ich beim Autofahren mit Kind/Kindern regelrechte Panikattacken gehabt und bin teilweise zum rollenden Hindernis geworden. Auf Autobahnen ist es besonders schlimm gewesen. Jeder LKW und jede Baustelle waren für mich eine potentielle Bedrohung.

8. Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?

Unverständnis auf Seiten des Klinikpersonals. Ich sollte mich doch erst ausruhen und wieder Kraft tanken, die Tage in der Klinik nutzen. Das konnte ich aber so nicht. Die Ereignisse haben mich einfach überrollt. Beschwichtigungsversuche von meinem Mann, die mich keineswegs beschwichtigt haben. ‚Die wissen schon, was richtig ist.‘ – Nein, die wussten schon bei der Geburt nicht, was sie taten, waren meine Gedanken.

Er war mir in der Zeit keine Hilfe und ließ obendrein noch durchblicken, dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn ich in der Klinik geblieben wäre. Einzig meine Eltern haben mich verstanden und waren mir auch in den ersten Tagen zu Hause eine Stütze. Sie haben mich in Ruhe gelassen, sind aber sofort gekommen, wenn ich sie brauchte.

9. Glaubst Du, der Babyblues /Wochenbettdepression ist vollständig verschwunden?

Dieser Babyblues ist vollständig verschwunden. Die 2. Geburt war ein geplanter Kaiserschnitt in einer anderen Klinik. Dort lief alles wunderschön, die Menschen waren lieb und ich durfte meinen Lütten vom ersten Tag an bei mir behalten. Diesen Krankenhausaufenthalt habe ich glücklich mit meinem Kind verbracht. Leider habe ich in dieser Zeit aber doch Bekanntschaft mit Depressionen gemacht. Nur hatte das, glaube ich, weniger mit einer Wochenbettdepression zu tun. Und doch gehört es dazu. Im 8. Monat meiner Schwangerschaft erfuhr ich Dinge über meinen Mann, die mein Vertrauen und damit unsere Paarbeziehung nachhaltig zerstörten.

Aus heutiger Sicht, wegen der Schwangerschaft, den verrückten Auswirkungen der Hormone und auch Zukunftsängsten bin ich bei ihm geblieben. Wir hatten eine Paartherapie, die nichts half und ich auch Einzelgespräche mit der Psychologin, die mich aber nicht weiter brachten. Ich wollte diese Familie nicht zerstören, aber diese Entscheidung war wider meinem Bauchgefühl. Mein Gott, wie oft saß ich mit dem kleinen Bündel im Arm da und dachte: „Du hättest gar nicht mehr sein dürfen.“ Wir haben noch knapp 4 Jahre zusammengelebt, bis ich soweit war, ihm nahezulegen, sich eine eigene Wohnung zu suchen.

Für meine Psyche 4 Jahre zu lange, wie ich heute weiß. Seit dem Tag seines Auszuges geht es mir sehr viel besser. Wir sind ohne Streit auseinandergegangen und haben für die Kinder eine Basis gefunden.

10. Hat Dich das Gefühlschaos nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?

Ja sehr. Ich bin ruhiger geworden, verschlossener, ängstlicher und sehr skeptisch gegenüber anderen Menschen. All das habe ich in den vergangenen Jahren schon erfolgreich versucht, wieder auf gesundem Maß runterzuschrauben, aber es gibt immer noch manche Tage, an denen ich am liebsten in ein Loch kriechen möchte. Und Ärzte habe ich bis heute gefressen, bis auf ein paar wenige, aber Mut machende Ausnahmen.

Andere Eltern sind bei mir die nächste Baustelle. Es gibt diejenigen, für die ich auch nachts ins Auto springe, um Ihnen zu helfen oder ihnen beizustehen. Bevor ich mir ein Urteil über andere Mütter oder Eltern erlaube, muss ich erst die Geschichte kennen. Und wenn jemand nicht erzählen will, dann ist das auch okay, dann hat er auch dafür Gründe. Jeder hat seine Beweggründe, so zu agieren oder zu reagieren, wie er es tut. Und wenn ich auch nicht immer alles verstehe, so respektiere ich doch jeden so wie er ist. Und wenn ich ihr/ihm damit helfen kann, indem ich zuhöre, helfe, wo es gebraucht wird, und tröste, so kann ich ein wenig von dem wiedergeben, was mir damals so geholfen hat.

Leider gab es aber bei uns auch einige, die in ihrer ‚heilen Welt‘ lebten. Sie verurteilten mich und später auch meinen großen Sohn mit seiner ADHS-Problematik (ich frage mich heute noch, ob es von dieser schrecklichen Geburt kommt), ohne überhaupt Hintergründe zu wissen. Das hat einige Zeit gedauert, bis ich verstanden habe, dass ihr Verhalten nichts mit mir zu tun hat und sie für mich nicht wichtig sind. Aber damit schweife ich wohl jetzt ab…

11. Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt?

Versucht auf alle Fälle über Eure Gefühle zu reden. Auch wenn es sehr schwer fällt, nichts tut mehr gut, als den ganzen Ballast mal loszuwerden. Scheut Euch auch nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch wenn das bei mir nicht geholfen hat, weiß ich von anderen, dass es helfen kann. Manchmal ist eine Vertrauensperson auch jemand, an den man vorher nie gedacht hätte. Jemand, der Ähnliches erlebt hat und mit dem man sich austauschen kann. Hauptsache Ihr seid mit Euren düsteren und/oder traurigen Gedanken nicht alleine. Nehmt Euer Baby und geht raus in die Natur. Dazu musste ich mich auch am Anfang zwingen, aber die frische Luft pustet frische Gedanken in den Kopf, das tut so gut.

12. Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren?

2014 habe ich meinen Blog „MomsOffice“ ins Leben gerufen.

Ich schreibe regelmäßig, aber veröffentliche nur sehr unregelmäßig einen Bruchteil meiner Gedanken. Verschlossen halt, aber ich arbeite dran 😉

Bei Twitter bin ich als @herzteddy unterwegs.