„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit Frühlingskindermama

Wochenbett - BabyBlues und Depression

Heute erscheint das 10te Interview zu meiner Reihe „Wochenbett – BabyBlues und Depression“ für die ich die unterschiedlichsten Blogger gewinnen konnte. Was sie alle eint? Das Schicksal, mit dem Kind nach der Schwangerschaft doch mehr gehadert zu haben, als sie es im Vorfeld je gedacht hätten. Heute berichtet mir die liebe Frühlingskindermama, die ebenfalls von ihren Depressionen spricht. Und immer ist da die Frage, warum greift niemand ein?

1. Wie immer als erstes: Erkläre doch kurz, wer Du bist?

Ich bin die Frühlingskindermama, lebe in Berlin und schreibe auf meinem Blog über das turbulente Leben mit meinen beiden Kindern.

2. Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?

Ich habe 2 Kinder, einen Sohn, geboren im März 2011, und eine Tochter, geboren im Mai 2013. Einen klassischen Babyblues, die sogenannten Heultage, die nach wenigen Tagen wieder vorbei sind, hatte ich nicht. Aber nach der Geburt meines Sohnes, der ein lange ersehntes und erkämpftes Wunschkind mit einer glücklichen, unproblematischen Schwangerschaft war, fiel ich in ein großes Loch und hatte sehr lange mit den krassen Umstellungen zu kämpfen, die das Leben mit einem Kind mit sich bringt. Ich vermute, dass ich unter postnatalen Depressionen litt, habe aber weder eine Diagnostik gesucht noch eine Therapie gemacht und das auch selbst erst im Laufe der Zeit gemerkt, weil unser Sohn als Schreibaby so unglaublich viel Aufmerksamkeit forderte und uns selbst überhaupt keinen Raum ließ.

3. Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben?

Anfangs war ich völlig erschöpft, kraftlos und überfordert. Ich habe viel geweint. Die Geburt und Wochenbettzeit waren traumatisch gewesen, mir ging es sehr schlecht und das Baby schrie, schlief nicht, ließ sich nicht ablegen, überstreckte sich, war unkuschelig und überhaupt nicht so, wie ich mir (m)ein Baby vorgestellt hatte. Wir schafften es zu zweit kaum, mit ihm klarzukommen (mein Mann hatte 7 Monate Elternzeit). Wir hatten keine Hilfe, da keine Familie in der Nähe war. Wir mussten uns isolieren, weil er überall schrie und nicht abschalten konnte. Wir brauchten viele Monate, um einen gewissen Rhythmus zu etablieren und Strategien zu entwickeln, um ihm zu helfen. Wir kümmerten uns kaum um uns selbst, sondern waren Tag und Nacht mit dem Herumtragen und Beruhigen des Babys beschäftigt. Ich stand wie neben mir und funktionierte nur noch, wünschte mich gleichzeitig weit weg. Oder ich wünschte mir das Baby weg. Ich war wütend, aggressiv, gereizt, neidisch auf Eltern mit einfachen Kindern, enttäuscht von meiner Umgebung und dem ganzen Leben, frustriert, weil ich nichts ändern konnte und fühlte mich im Stich gelassen. Die schlimmsten Gedanken waren: ich wünschte mir zeitweise, dass meinem Baby etwas passieren würde und verbot mir gleichzeitig diesen Gedanken auf’s Schärfste. Doch auch das gehört zu einer postnatalen Depression dazu und sollte nicht verschwiegen werden. Glücklicherweise ging es nicht wie bei anderen Betroffenen so weit, dass ich ihm selbst etwas angetan hätte, da waren die Moral und die Erinnerung an die lange Kinderwunschzeit doch noch stärker als meine Verzweiflung. Aber schlimm genug.

4. Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues?“

Naja, ich habe immer wieder darüber gesprochen, wie unglücklich ich bin und dass ich mir das alles nicht so vorgestellt hatte. Es ging aber niemand wirklich darauf ein. Meine Familie war völlig ratlos, warum ich so überreagierte und nicht die zufriedene Mama eines gesunden, wenn auch anstrengenden Wunschkindes war, die sie erwartet hatten. Es ließ sich ja auch nichts grundsätzlich an der Situation ändern.

5. Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?

Für mich ist es im Rückblick eindeutig eine Depression, wenn auch weniger mit Antriebslosigkeit oder Leere verbunden, sondern vielmehr mit äußerster Verzweiflung, heftigen Aggressionen und dem übermächtigen Wunsch, zum alten Leben zurückzukehren. Ich habe funktioniert, ich musste mich ja um das High-Need-Kind kümmern. Aber ich bin innerlich kaputt gegangen vor Selbstaufgabe, Fremdbestimmung und permanenter Bereitschaft.

6. Gab es Verstärker (Momente, in denen es besonders schlimm war)? Und was hast Du dagegen und gegen den Babyblues unternommen?

Wenn der Sohn wieder einmal trotz aller Anstrengungen nicht einschlafen wollte und sich in Rage geschrien hat bzw. überhaupt, wenn er sich durch nichts beruhigen ließ, dann wuchs die Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut. Wenn ich darüber grübelte, dass ich nie wieder aus dieser Spirale herauskommen würde. Wenn es keine Sekunde Ruhe am Tag gab und sich alles nur um das Baby drehte. Wenn ich mit ihm für eine Stunde allein war, weil mein Mann beim Sport oder einkaufen war.

Dagegen unternehmen konnte ich nicht viel. Ich begann, einen Tag pro Woche zu arbeiten, als er 8 Monate alt war. Dadurch hatte ich wenigstens einige Stunden Abstand. Im Alter von 9 Monaten, als ich nicht mehr konnte, beschlossen wir, ihn für ein paar Stunden in der Woche zu einer Tagesmutter zu geben. Mit dieser Entscheidung tat ich mich sehr schwer, es fühlte sich fast wie das Einverständnis meines Scheiterns an. Mit 13 Monaten dann starteten wir entgegen meines ursprünglichen Plans, anderthalb Jahre mit ihm zuhause zu bleiben, die Eingewöhnung in einen Kinderladen. Die einzigen Dinge, die ich unternehmen konnte, waren also Entlastung zu suchen und Freiräume für mich zu schaffen. Damit habe ich zu lange gewartet.

7. Wie lange hat er angedauert? Und warum hat er geendet?

Das kann ich schwer beantworten. Die schlimmste Zeit waren die ersten Monate, dann kam die Einsamkeit dazu, als mein Mann wieder arbeiten ging. Es hat sich alles so unnütz und sinnlos angefühlt. Besser wurde es erst mit der Entlastung durch die Kita und kleinen Auszeiten für mich. Mit meiner Mutterrolle dagegen hatte ich lange Zeit große Schwierigkeiten. Ich war keine glückliche Mutter und wünschte mir oft, die Zeit zurückzudrehen. Als meine Tochter geboren wurde, als der Sohn 26 Monate alt war, heilte sie viele meiner schlimmen Erlebnisse, Erinnerungen und Erfahrungen und zeigte mir meine Mamakompetenz. Nach und nach fand ich mich besser in meiner Rolle ein.

8. Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?

Verständnislos, überfordert, anklagend. Ich hatte niemanden, mit dem ich wirklich offen und schonungslos darüber reden konnte. Mein Mann und meine (selten präsenten) Eltern bekamen meine Aggressionen und meine Wut zu spüren. Ich schrie meine Verzweiflung in die Welt hinaus, ähnlich wie unser Sohn. Dazu kamen Vorwürfe, durch die Hebamme, die Familie etc. Nicht einer machte sich mal die Mühe, genauer nachzufragen und zu verstehen. Ich wundere mich heute noch, dass keiner Angst hatte, dass ich dem Kind in meiner Verzweiflung etwas antun könnte. Und dass alle passiv blieben.

9. Glaubst Du, der Babyblues ist vollständig verschwunden?

Die Depressionen sind verschwunden, aber mit meinem Leben als Mama hadere ich trotzdem immer mal wieder, auch wenn es schon viel besser geworden ist. Ich brauche vor allem einen festen Rhythmus mit kleinen Auszeiten für mich, dann geht es gut. Sobald ich wieder zurückgestoßen werde in die Zeit der Freiheitsberaubung und Fremdbestimmung, habe ich oft Probleme. Auch die Erinnerungen an verlorene Monate, um nicht zu sagen Jahre, sind sehr traurig. Ansonsten überwiegt doch jetzt meist die Freude über zwei hübsche, gesunde, so unterschiedliche Kinder und dem gemeinsamen Wachsen, Lernen und Älterwerden.

Frühlingskindermama10. Hat Dich der Babyblues nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?

Ja, ich denke schon. Ich bin sehr desillusioniert geworden, was das Leben mit einem Baby bzw. mit Kindern allgemein betrifft. Wahrscheinlich war ich da einfach auch viel zu blauäugig und idealistisch herangegangen. Ich bin sehr missionarisch geworden, wenn Neueltern mit ähnlich naiven Vorstellungen ins Babyleben starten. Ich habe mich selbst völlig neu kennengelernt und Dinge über mich erfahren, die ich vorher nicht wusste. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn es schmerzhaft war. Die Beziehung zu meinen Eltern hat sich verschlechtert.

11. Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt?

Ich rate ihnen, viel schneller bzw. überhaupt Hilfe zu suchen. Das kann professionelle Hilfe sein, das kann Web-Hilfe sein, das kann Entlastung in Form von Outsourcing der Aufgaben, die zuviel sind, sein. Informiert euch im Netz, vernetzt euch in Gruppen, tauscht euch aus. Das hilft schon ungemein. Es gibt einen tollen Blog http://villa-schaukelpferd.de/, der das Thema immer wieder aufgreift und auch Tipps zur Vernetzung gibt. Wenn ihr jemanden habt, mit dem ihr privat reden könnt, umso besser.

12. Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren?

Mein Blog ist http://fruehlingskindermama.blogspot.de/, ich bin auf Facebook, Twitter und Instagram aktiv.

Vielen Dank für die Möglichkeit, hier über meine Erlebnisse zu schreiben.