„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit Katrin von Zwillinge-Blog

Wochenbett - BabyBlues und Depression
 Meine Interviews gehen auch heute weiter. Als ich sah, wer mir da antwortete, dachte ich sofort „Zwillinge, oh weia, wie wäre es mir damit gegangen?“. Ich bin froh, dass Katrin es geschafft hat – trotz oder wegen ihrer Situation.
Katrin hat meinen größten Respekt. Hier könnt ihr lesen, warum.
 
 

 

1. Wie immer sinnvollerweise als erstes: Erkläre doch kurz, wer Du bist?
 
Ich heiße Katrin, bin 41 Jahre alt und lebe mit meinem Mann und unseren Zwillingen in München. Ich arbeite als Modedesignerin und blogge seit 2009.
 
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2. Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?
 
Ich habe Zwillinge, die mittlerweile 5 Jahre alt sind. Mehr Kinder sind nicht geplant, denn die beiden reichen uns vollkommen 🙂
 
3. Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben? Also wurde es auch eine Depression?
 
 Ich wußte vor der Geburt, was ein Baby Blues ist, dass er plötzlich auftritt und dass es relativ normal ist, einen zu bekommen. Wie heftig diese Gefühle sind, wußte ich nicht und ich glaube, dass das niemand vorher wirklich wissen kann. 
Genauso wie man als werdende Mutter auch nur theoretisch auf alles vorbereitet ist, was man mit einem Baby emotional durchmacht, so theoretisch war auch der Baby Blues. Die Praxis sieht in beiden Fällen einfach ganz anders aus.
 
4. Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues / Wochenbettdepression?“
 
Es war nicht nötig mich darauf aufmerksam zu machen. Es begann am dritten Tag nach der Geburt als normaler Blues. Ich weinte den ganzen Tag durch. Mein Mann versuchte mich aufzuheitern, und betonte immer wieder, dass das doch nur hormonell sei und eben der klassische Blues. Wir hatten zum Glück ein Familienzimmer ganz für uns alleine.
 
5. Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?
 
Diese Frage finde ich kompliziert, denn oft haben Frauen anfangs „nur“ einen Blues und viele Zeit später kommt eine Depression. Bei mir war das so.
Der Blues kam wie gesagt schon im Krankenhaus und wurde ausgelöst vom permanenten Weinen meiner Tochter. Ich war absolute überfordert, weil ich sie nicht abgeben konnte, denn mein Mann hatte unseren Sohn bei sich. Ich hatte mir es nicht so vorgestellt, dass ein frisch geschlüpftes Baby schon so viel und schrill weint. Ja, naiv war ich. Ich dachte, am Anfang schlafen die Kinder sehr viel. Meine Tochter war extrem nervös, weinte viel, schlief schlecht. Der akute Blues verlies mich nach 2 Tagen wieder. Ich fühlte mich besser.
Als die Kinder ein paar Wochen alt waren, kam die Depression. Sie kam schleichend, bedingt auch durch den akuten Schlafmangel, den man bei Zwillingen hat. Es war besonders schlimm, wenn mein Mann morgens das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen. Ich war alleine und wurde viel angeschrien, ich hatte niemanden zum Reden. Ich hatte eine Haushaltshilfe, die ich nicht mochte und die ich trotzdem so dringend brauchte. Es ist nicht einfach, einen fremden Menschen den ganzen Tag um dich zu haben. Ich habe die Stunden gezählt, bis mein Mann wieder heim kam. Ich war einsam, überfordert, unglücklich, unsicher. Ich empfand kein Glück und keine Freude über meine Kinder. 
 
6. Gab es Verstärker (Momente, in denen es besonders schlimm war) Und was hast Du dagegen und gegen die Gefühle unternommen?
 
Wenn ich alleine war, war es besonders schlimm. Man muss Zwillinge sofort in einen gleichen Rhythmus bringen, sonst geht man unter. Das ist aber unglaublich schwierig und nervenzerreibend. Zwei Kinder gleichzeitig zu füttern, die noch so klein sind. Das hat in 80% der Fälle nicht geklappt und endetet im Chaos. Ich hatte keine Erfolgserlebnisse. Ich wollte meine Kinder auf dem Arm füttern, was ich nicht konnte, wenn das zweite Kind auch Hunger hat. Ich hatte Schuldgefühle. Es war alles so unfassbar schwierig.
 
7. Wie lange hat der Blues angedauert? Und warum hat er geendet bzw. warum wurde es eine Depression, falls es eine war)?
 
Die Depression verschlimmerte sich so sehr, dass ich selber etwas unternehmen wollte. ich wollte meine Kinder genießen können! Ich liebet sie so sehr! Ich ging zum Arzt und bekam ein Antidepressiva, das man ganz leicht dosieren konnte, je nach Tagesform. Ich hatte keinerlei Nebenwirkungen. Aber es war auf einmal nicht mehr alles nur schwarz. Es wurde heller. Und irgendwann war ich wieder die Alte. Ich hatte mental wieder Kraft für meine Kinder und mich selbst. Ich setzte das Medikament nach ein paar Wochen wieder ab.
 
8. Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?
 
Unterschiedlich. Viele sagten, ich hätte keine Depression, das käme nur vom Schlafmangel. Ein paar wenige, darunter auch mein Mann, unterstützten mich dabei, zum Arzt zu gehen.
 
9. Glaubst Du, der Babyblues /Wochenbettdepression ist vollständig verschwunden?
 
Ja und Nein. Der Blues ja, die Depression lässt sich manchmal noch blicken, weil ich eben so bin, wie ich bin. Ich schaffe es aber dann selbst da raus. Medikamente habe ich seitdem nicht mehr genommen dagegen.
 
10. Hat Dich das Gefühlschaos nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?
 
Das Mutter sein hat mich sehr verändert, das ist ja auch normal. Dass ich meine Kinder nicht genießen konnte und wie das erste Jahr für mich war, das hat mich sehr verändert, weil ich mir immer nur gewünscht habe, dass sie endlich größer werden, damit es nicht mehr so schwierig ist. Jetzt wünschte ich mir, ich könnte mich besser daran erinnern, wie es war, als sie noch klein waren. Mein Gehirn hat so viel verdrängt.
Das geht aber vielen Zwillingsmüttern so, wie ich erst an den Kommentaren auf einen meiner Blog Posts erkannt habe. Es ist so hart, wenn man zwei Babys gleichzeitig hat. Das können wirklich nur Zwillingsmütter nachvollziehen… Ich wäre mit nur 1 Kind nicht so überfordert gewesen und hätte sicherlich auch keine so heftige Depression bekommen. Aber natürlich habe ich meine Kinder immer sehr geliebt. Es hat bei mir nur länger gedauert, bis ich in der Mutterrolle angekommen bin.
 
11. Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt?
 
Reden. Nur mit Herzmenschen. Sich Hilfe holen. Sich nicht schämen, sondern im Gegenteil, dazu stehen. 
 
12. Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren? Hast Du einen Blog (Social Media Accounts), dann schreibe es hier.

 
 
Danke Katrin für Deine ehrlichen Worte und Deinen Bericht! Ich bin mir sicher, dass sich Leser wiederfinden können und sich vielleicht trauen, den Schritt zu einem Arzt zu gehen. Zwillingsmamas haben es nicht einfach (meine Nichten sind ebenfalls Twins) und da sollte man handeln. Danke!