„Wochenbett – BabyBlues und Depression“ – Interview mit Yasmin von Rabenmutti

Wochenbett - BabyBlues und DepressionEs ist Dienstag. Der Himmel ist bewölkt und es sieht sehr nach Herbst aus. Meine FB- und Twitter-Timeline ist immer noch (Gott sei dank) mit dem Thema Flüchtlinge zugange. Es könnte deprimierend sein, wenn da nicht meine neue Herausforderung wäre. Ich möchte mich freuen und tue es dennoch verhalten. So vielen Menschen geht es schlechter als mir.

Von Yasmin weiß ich, dass auch sie eine neue Herausforderung hat und auch sie versucht ihr Leben mit Kind, Job, Familie und Betreuung zu managen und dabei dennoch nicht die Welt aus dem Blick zu verlieren. Dabei beschlich sie sehr schnell das Gefühl der Depression, als ihre bezaubernde Claire auf die Welt kam. Lest selbst:

1. Wie immer als erstes: Erkläre doch kurz, wer Du bist?

Mein Name ist Yasmin, ich bin 27 Jahre alt und Mutter der bezaubernden Claire Sophie (2 Jahre). Ich gehöre zu den Workaholics, daher habe ich auch bis kurz vor der Geburt gearbeitet und kurz danach wieder angefangen. Etwas wofür ich oft verurteilt wurde (leider bezahlen sich Kinder nicht durch Liebe allein) und den Blog „DieRabenmutti“ ins Leben gerufen habe, um all das Negative zu verarbeiten.

2. Wie viele Kinder hast Du und bei welchem Deiner Kinder trat der Babyblues auf?

Wir haben „nur“ ein Kind und sind uns ziemlich sicher, dass es dabei bleiben wird.

3. Welche Anzeichen gab es und wie hast Du gemerkt, dass die Gedanken nicht nur kurz abschweifen sondern eher den ganzen Tag dunkel bleiben? Also wurde es auch eine Depression?

Ich kann mich ehrlich gesagt nicht so wirklich erinnern einen Babyblues, wie er im Lehrbuch steht, bekommen zu haben. Das war ein schleichender Prozess und ging direkt in eine Depression über.

4. Hast Du Dich jemandem anvertraut bzw. hat jemand zu Dir gesagt „Du hör mal, ich glaube, Du hast den Babyblues / Wochenbettdepression?“

Ich habe mit meinem Mann gesprochen, der aber leider kein Verständnis für mich hatte. Für ihn gibt es das Krankheitsbild „Depression“ nicht. Daher war es recht schwierig – nein, es ist recht schwierig mit ihm darüber zu reden, weil es einfach nicht in seine Welt passt. Selbst, wenn er sich Mühe gibt, verletzt er mich immer wieder mit Worten und Handlungen….

5.Wie war der Babyblues für Dich? Mehr ein Blues oder doch schon eine Depression? Und in welchen Situationen war es besonders schlimm?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Wie gesagt, war es weniger Blues, mehr Depression: Die ersten Tage im Krankenhaus waren durch eine heftige Geburt mit ungewolltem Kaiserschnitt schlimm für mich. Aber nicht wegen dem Baby direkt, sondern weil ich einfach kraftlos war und große Schmerzen hatte. Zu Hause hatte ich Dank der Narbe auch wochenlang Schmerzen. Das scheint das anfangs noch überdeckt zu haben. Später kam dann ein Waschzwang hinzu, dunkle Gedanken, auch gegenüber dem Baby. Ich dachte, ich hätte niemals Mutter werden sollen. Es waren auch echt fiese Gedanken dabei wie: „Das Baby verbaut mir nun die ganze Zukunft worauf ich all die Jahre hingearbeitet habe“. Sie war anfangs ein ziemlich… aufmerksamkeitsbedürftiges Baby, das hat mich schlichtweg überfordert. Dann kamen immer wieder die Gedanken hinzu, ich sei nicht fähig Mutter zu sein, sei eine schlechte Mutter und Ehefrau und dann begann diese Abwärtsspirale. Beim Frauenarzt kam ich dann darauf zu sprechen und ich wurde zu einem Therapeuten geschickt. Dieser wollte mir eine Pille verschreiben, was sich natürlich abgelehnt hatte.

Ich war mitten in der Stillzeit! Ich wollte es selber hinbekommen, es wurde aber immer schlimmer….

Besonders schlimm war es dann, wenn ich Mütter gehört habe, die sich über ihr Kind gefreut haben, wie toll es doch ist Mutter zu sein, und dass sie zu 100% Vollblutmutter sind. Ich habe mich immer gefragt, was nicht mit mir stimmt, dass ich nicht so empfinde, dass ich mich nach einem Leben neben dem Mutter sein sehne, dass ich auch mal Freizeit will und eine Pause brauche. Ganz übel wurde es dann, als ich mir die Zeit nahm, die ich brauchte und dafür von diesen Vollblutmüttern kritisiert wurde.

6. Gab es Verstärker (Momente, in denen es besonders schlimm war) Und was hast Du dagegen und gegen die Gefühle unternommen?

Ja sicher, da unsere Tochter im ersten Jahr wirklich ein kleiner Satansbraten war und uns sehr viel Kraft kostete (Schlafmangel, Stress) bin ich nahezu jedes Mal, wenn sie wieder mal geweint hatte, fast zusammengebrochen oder ausgeflippt. Ich bin dann aus dem Raum gegangen und habe versucht mich zu sammeln; versucht mich an schöne Momente zu erinnern, damit ich das durchstehe. Dann kam natürlich wieder die Frage, wieso ich das eigentlich überhaupt denke und wieso ich so reizbar bin und habe wieder an mir gezweifelt.

Hinzu kamen dann Probleme im Job und der Ehe. Das gab mir den Rest.

7. Wie lange hat der Blues angedauert? Und warum hat er geendet bzw. warum wurde es eine Depression, falls es eine war)?

Leider ist es noch eine Depression. Da ich zunächst nichts unternommen hatte, hat sich die Depression erstmal verstärkt. Nur langsam bekomme ich sie nun in den Griff.

8. Wie waren die Reaktionen Dir gegenüber in dieser Zeit?

Mein Mann war leider verständnislos, er hat sich bemüht, aber irgendwie nicht so ganz den Zusammenhang zwischen meinen Launen und der Krankheit verstanden. Ansonsten weiß es eigentlich niemand mehr, außer meinem besten Freund und meinem Bruder. Sie verhielten sich relativ verständnisvoll. Das hier ist quasi mein erstes „Coming Out“.

9. Glaubst Du, der Babyblues /Wochenbettdepression ist vollständig verschwunden?

Sicherlich nicht. Durch akute Probleme im Job und in der Ehe kombiniert mit einem Monat Therapiepause wurde es wieder schlimmer. Aber ich arbeite aktuell wieder daran und mache gute Fortschritte. Das Selbstbewusstsein steigt und ich fange an mich zu wehren, beruflich wie auch privat.

10. Hat Dich das Gefühlschaos nachhaltig verändert? Auch hinsichtlich anderer Eltern?

Ich komme noch immer nicht mit Vollblutmüttern klar. Das wird sich wohl auch nie ändern….Allerdings ist unsere Tochter zu einem richtigen Sonnenschein geworden, was mir hilft, mit allem besser klar zu kommen. Ich kann es hin und wieder genießen Mutter zu sein und bin entspannt. Es geht in die richtige Richtung 🙂

Rabenmutti11. Was würdest Du anderen Müttern raten, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt?

Unbedingt mit jemandem reden, dem sie vertrauen. Und wenn es die Frauenärztin ist, wie in meinem Fall. Verschleppen macht es nur umso schlimmer! Wenn man selber feststellt, dass sich eine Depri anbahnt, ist es meist schon zu spät…

Und ganz wichtig: Nicht dafür schämen! Keine Selbstvorwürfe machen. Denn, wie ich mitbekommen habe, geht es einer ganzen Reihe Mütter so wie uns. Wir sind keine schlechten Mütter, solange wir uns sorgen und versuchen es besser zu machen.

12. Können andere Mütter noch etwas über Dich erfahren? Hast Du einen Blog (Social Media Accounts), dann schreibe es hier. 

Ich führe einen Blog, daneben habe ich auch eine Facebookseite, einen Twitteraccount und ein G+ Profil 🙂  Vor allem auf Facebook bin ich sehr aktiv und berichte von unserem Alltag.